Jeder dritte Handwerksberuf gilt heute als Engpassberuf.
Offene Stellen bleiben im Schnitt über sieben Monate unbesetzt – doppelt so lang wie noch vor zehn Jahren. Und das, obwohl die Gesamtwirtschaft in Deutschland seit 2015 rund vier Millionen neue sozialversicherungspflichtige Jobs geschaffen hat.
Im Handwerk hat die Zahl gleichzeitig abgenommen.
Was hinter diesen Zahlen steckt, zeige ich Ihnen hier.
Das Wichtigste in Kürze:
- Rund 200.000 bis 250.000 Stellen bleiben im Handwerk aktuell unbesetzt
- Handwerksstellen brauchen im Schnitt 224 Tage zur Besetzung – gegenüber 104 Tagen noch in 2015
- Jeder dritte Handwerksberuf ist ein Engpassberuf (Bundesagentur für Arbeit)
- Über 19.000 Lehrstellen fanden in 2024 keine Bewerber
- In den nächsten fünf Jahren steht bei 125.000 Betrieben ein Generationswechsel an
Wie viele Handwerksunternehmen gibt es in Deutschland?
Rund 1.038.000 Handwerksbetriebe gibt es in Deutschland – das entspricht fast 16 % aller Unternehmen im Land.
Das Handwerk ist damit eine der tragenden Säulen der deutschen Wirtschaft. Rund 5,6 Millionen Menschen arbeiten in der Branche, das sind 12,3 % aller Erwerbstätigen. Allein beim Umsatz steht für 2024 eine Zahl von rund 770 Milliarden Euro – ohne Mehrwertsteuer.
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Strukturdaten zusammen (Quelle: ZDH, Kennzahlen des Handwerks):
| Kennzahl | 2024 |
|---|---|
| Handwerksbetriebe gesamt | 1.038.254 |
| Beschäftigte insgesamt | rund 5,6 Millionen |
| Anteil an allen Erwerbstätigen | 12,3 % |
| Auszubildende | rund 342.000 |
| Anteil aller Auszubildenden in Deutschland | 28,2 % |
| Umsatz (ohne MwSt.) | 770,7 Mrd. Euro |
| Anteil am Gesamtumsatz der Wirtschaft | 7,8 % |
Was diese Zahlen nicht zeigen: Hinter der stabilen Betriebsgesamtzahl verbergen sich deutliche Verwerfungen.
Kleine Handwerksunternehmen mit unter 5 Beschäftigten haben in 2024 einen Umsatzrückgang von 15,1 % erlitten. Große Betriebe ab 50 Mitarbeitenden legten dagegen um 3,4 % zu. Wer keine Leute findet, verliert Aufträge – das spiegeln diese Zahlen direkt wider.
Wie viele Handwerker fehlen in Deutschland?
Mindestens 200.000 Stellen bleiben im Handwerk aktuell unbesetzt – das ist die offizielle Einschätzung des ZDH.
Bei den Arbeitsagenturen gemeldet waren zum Jahresende 2024 rund 125.500 offene Stellen. Der ZDH geht davon aus, dass der tatsächliche Bedarf „deutlich über 200.000″ liegt, weil viele Betriebe offene Stellen gar nicht erst melden.
Noch klarer wird das Ausmaß des Problems, wenn man sich anschaut, wie lange Handwerksbetriebe heute warten müssen, bis eine Stelle überhaupt besetzt ist:
| Zeitpunkt | Vakanzzeit Handwerk | Vakanzzeit alle Berufe |
|---|---|---|
| 2015 | 104 Tage | 84 Tage |
| 2024 | 224 Tage | 160 Tage |
| Anstieg | +120 Tage | +76 Tage |
Handwerksstellen dauern heute mehr als doppelt so lang zur Besetzung wie noch vor zehn Jahren – und liegen damit 40 % über dem ohnehin schon hohen Gesamtschnitt.
Gleichzeitig ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Handwerk seit 2015 um 110.000 zurückgegangen, während sie in der Gesamtwirtschaft um 4,1 Millionen stieg.
Seit 2015 gibt es laut ZDH mehr offene Stellen in handwerklichen Berufen als arbeitslose Handwerker. Das bedeutet: Selbst wenn alle arbeitslosen Handwerker sofort eine neue Stelle anträten, blieben immer noch Tausende Positionen unbesetzt.
In 2024 schätzt der ZDH, dass rund 80.000 Arbeitsplätze verloren gingen – nicht weil die Aufträge fehlten, sondern weil Betriebe schlossen, da kein Nachfolger und kein Personal zu finden war.
Warum gibt es Fachkräftemangel im Handwerk?
Vier Faktoren treiben den Mangel gleichzeitig an und verstärken sich gegenseitig.
Der ZDH benennt sie klar:
- Demografischer Wandel: Weniger Junge kommen nach, mehr erfahrene Fachkräfte gehen in Rente
- Bildungspolitischer Irrweg: Jahrzehntelange Bevorzugung akademischer Bildung gegenüber beruflicher Ausbildung
- Steigende Studierneigung: Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich für ein Studium statt eine Ausbildung
- Imageproblem: Das Handwerk gilt gesellschaftlich als weniger attraktiv als akademische Berufe
Besonders der letzte Punkt sitzt tief. Laut BIBB verbinden Jugendliche mit Hochschulreife eine Arbeit in Berufen, die auch Hauptschülern offenstehen, mit einem Prestigeverlust. Solange das so wahrgenommen wird, verliert das Handwerk im Wettbewerb um Nachwuchs strukturell.
Fast die Hälfte aller Azubis verschwunden
Was demografischer Wandel und Studierneigung zusammen anrichten, zeigt diese Entwicklung:
| Jahr | Auszubildende im Handwerk |
|---|---|
| 1997 | rund 633.000 |
| 2007 | rund 483.000 |
| 2024 | rund 341.000 |
Ein Rückgang von fast 46 % in knapp 30 Jahren. Und das Problem verschärft sich: In 2024 blieben rund 19.000 Handwerks-Lehrstellen mangels geeigneter Bewerber unbesetzt – 18 % aller betrieblich gemeldeten Ausbildungsplätze. Nur noch 28 % der ausbildungsberechtigten Handwerksbetriebe bilden überhaupt noch aus.
Generationswechsel ohne Nachfolger
Dazu kommt die Altersstruktur der Inhaber: Beinahe jeder vierte Betriebsinhaber im Handwerk ist heute über 60 Jahre alt. In den nächsten fünf Jahren steht bei bis zu 125.000 Betrieben ein Generationswechsel an – mehr als 10 % aller Handwerksbetriebe. Findet sich kein Nachfolger, schließt der Betrieb. Damit gehen nicht nur Unternehmen verloren, sondern auch Ausbildungsplätze, Kapazitäten und Jahrzehnte aufgebautes Fach-Know-how.
Welche Handwerker fehlen am meisten?
Elektriker und Fachkräfte für Sanitär, Heizung und Klima fehlen am stärksten – und das genau dann, wenn die Energiewende diese Berufsgruppen am dringendsten braucht.
Die Bundesagentur für Arbeit stuft aktuell 40 Handwerksberufe auf Fachkräfteniveau als Engpassberufe ein. Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) hat die größten Lücken für den Zeitraum Juli 2024 bis Juni 2025 beziffert:
- Bauelektrik-Fachkräfte: Fachkräftelücke 18.343 – 8 von 10 Stellen bleiben rechnerisch unbesetzt
- Elektrische Betriebstechnik: Fachkräftelücke 14.218 – ebenfalls mehr als 8 von 10 Stellen unbesetzt
- Elektrotechnik-Experten: Fachkräftelücke 8.519
Hinzu kommen ausgeprägte Engpässe in Bau- und Ausbauberufen sowie im Metallhandwerk. Im Ausbildungsmarkt trifft es besonders das Fleischer- und Bäckereihandwerk sowie Bau- und Metallberufe: Hier blieb in 2024 ein überproportional hoher Anteil der Lehrstellen unbesetzt.
Bei allen gemeldeten Handwerks-Ausbildungsstellen lag die Nicht-Besetzungsquote bei 38 % – gegenüber 31 % bei IHK-Stellen.
Zuwanderung federt ab, löst aber nicht
Ende 2024 arbeiteten rund 112.000 ausländische Fachkräfte in Handwerksberufen.
Mit einem Ausländeranteil von 23 % liegt das Handwerk bereits über dem Gesamtwirtschaftsschnitt von 19 %. Während die Gesamtbeschäftigung in Handwerksberufen um 1,1 % zurückging, stieg die Zahl ausländischer Beschäftigter gleichzeitig um 1,5 %.
Das Handwerk ist in weiten Teilen bereits auf Zuwanderung angewiesen, um den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten – reicht aber bei weitem nicht aus, um die strukturelle Lücke zu schließen.