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Patrick

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.Patrick Steeger

Bild zeigt Patrick Steeger, Geschäftsführer vom bKV Firmenservice
zuletzt aktualisiert: 11. März 2026

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Fluktuationsrate in der Lebensmittelindustrie (2026)

Die deutsche Ernährungs- und Genussmittelindustrie ist mit 658.150 Beschäftigten in 5.991 Betrieben und einem Umsatz von 232,7 Milliarden Euro der viertgrößte Industriezweig Deutschlands.

Die Branche kämpft trotz steigender Beschäftigtenzahlen mit strukturellen Problemen: Vakanzzeiten auf Rekordniveau, niedrige Lohnkosten im Branchenvergleich, hoher Krankenstand und sinkende Mitarbeiterbindung.

Unternehmen müssen im Durchschnitt rund ein Jahr einplanen, um eine offene Stelle zu besetzen.

Die Lohnkosten liegen 35% unter dem Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes, nur 9% der Beschäftigten zeigen hohe emotionale Bindung.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Fluktuation im Verarbeitenden Gewerbe (zu dem die Lebensmittelindustrie gehört) liegt bei circa 20% und damit deutlich unter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt von 30,6%, ein branchenspezifischer Fluktuationskoeffizient nur für die Nahrungsmittelherstellung wird von der Bundesagentur für Arbeit nicht separat veröffentlicht
  • Die Vakanzzeit in der Ernährungsbranche liegt bei 231 bis 233 Tagen (Dezember 2025), Unternehmen müssen also im Durchschnitt fast ein Jahr einplanen um eine offene Stelle zu besetzen, die Zahl der gemeldeten offenen Stellen sank gleichzeitig um 8,5% gegenüber dem Vorjahr
  • Die Lohnkosten in der Nahrungsmittelherstellung liegen bei durchschnittlich 30,20 Euro pro Stunde, rund 35% unter dem Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes (46,20 Euro) und 22% unter dem gesamtwirtschaftlichen Mittel (38,60 Euro), Sozialpolitik-aktuell stuft die Nahrungsmittelverarbeitung explizit als Niedriglohnbereich ein
  • Der Krankenstand im Verarbeitenden Gewerbe liegt bei 7,3% (dritthöchster aller Branchen), die emotionale Bindung erreicht 2024 mit nur 9% hoher Bindung einen historischen Tiefstand (Gallup), 50% der Beschäftigten planen innerhalb eines Jahres den Arbeitgeberwechsel

Wie hoch ist die Fluktuation in der Lebensmittelindustrie?

Die Fluktuation in der Lebensmittelindustrie lässt sich nicht mit einer einzigen, isolierten Zahl beziffern.

Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht keinen branchenspezifischen Fluktuationskoeffizienten nur für die Nahrungsmittelherstellung (WZ 10). Die verfügbaren Daten beziehen sich auf das gesamte Verarbeitende Gewerbe (WZ C), zu dem die Lebensmittelbranche gehört.

Der Fluktuationskoeffizient gibt den Durchschnitt der Summe der Zugänge und Abgänge als Anteil am durchschnittlichen Beschäftigtenbestand an.

Einfacher gesagt: Er zeigt, wie viele Mitarbeiter kommen und gehen, gemessen an der Gesamtbelegschaft. Ein Koeffizient von 20% bedeutet, dass pro Jahr etwa 20% der Belegschaft durch Zu- und Abgänge ausgetauscht werden.

Für das Verarbeitende Gewerbe, zu dem die Nahrungsmittelherstellung gehört, liegen folgende Daten vor:

JahrFK Verarbeitendes Gewerbe (C)
201920,1%
202016,6% (Corona-Pandemie)
1. Hj. 20208,1%
1. Hj. 20219,0%

Die gesamtwirtschaftliche Fluktuation lag 2019 bei 33,1%, sank 2020 pandemiebedingt auf 29,8%, stieg 2022 wieder auf 33% und lag 2023 laut IW Köln bei 30,6%. Das Verarbeitende Gewerbe liegt also deutlich unter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Für 2022 dürfte der Wert wieder bei circa 20% liegen, da die gesamtwirtschaftliche Fluktuation wieder auf Vorkrisenniveau gestiegen ist.

Wie unterscheiden sich Fluktuationsraten der Lebensmittelindustrie von anderen Branchen?

Die Fluktuation im Verarbeitenden Gewerbe (inklusive Nahrungsmittelherstellung) liegt mit 16,6% (2020) deutlich unter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt von 29,8%.

Zum Vergleich: Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei weisen die höchste Fluktuation auf (über 80%), saisonbedingt durch Erntearbeit und befristete Beschäftigungsverhältnisse.

Die wichtigsten Unterschiede im Branchenvergleich:

BrancheFluktuation 2020Einordnung
Land-/Forstwirtschaft, Fischerei>80%Höchste (saisonbedingt)
Sonst. wirtschaftl. Dienstleistungen~55%Zeitarbeit-Anteil hoch
Gastgewerbe~45%Befristungen, Saisonalität
Alle Wirtschaftszweige29,8%Durchschnitt
Verarbeitendes Gewerbe (inkl. Nahrungsmittel)16,6%Unterdurchschnittlich
Finanz-/VersicherungsdienstleistungenNiedrigStabil
Öffentlicher SektorNiedrigsteKaum Rückgang

Die Lebensmittelindustrie liegt also im stabileren Segment der deutschen Wirtschaft. Das klingt erst mal gut, täuscht aber über strukturelle Probleme hinweg. Denn die niedrige offizielle Fluktuation geht einher mit extrem langen Vakanzzeiten, niedrigen Löhnen und sinkender Mitarbeiterbindung.

Welche Bedeutung haben die langen Vakanzzeiten in der Lebensmittelindustrie?

Die Vakanzzeit ist der wohl aussagekräftigste Indikator für die tatsächliche Fluktuation und Besetzungsproblematik in der Ernährungsbranche. Sie gibt an, wie viele Tage durchschnittlich vergehen, bis eine offene Stelle besetzt wird. Und hier sieht es dramatisch aus:

Im September 2025 erreichte die Vakanzzeit mit 233 Tagen einen Höchstwert. Im Dezember 2025 lag sie bei 231 Tagen, ein Plus von 6,9% gegenüber dem Vorjahr. Unternehmen müssen also im Durchschnitt rund ein Jahr einplanen, um eine offene Stelle zu besetzen.

Denken Sie mal darüber nach, was das für Ihr Unternehmen bedeutet: Ein Jahr ohne die dringend benötigte Fachkraft, ein Jahr Überlastung für das verbleibende Team, ein Jahr Produktivitätsverlust.

Gleichzeitig sank die Zahl der gemeldeten offenen Stellen um 8,5% gegenüber dem Vorjahr. Das deutet auf eine gedämpfte Nachfrage durch die wirtschaftliche Schwächephase hin, nicht aber auf eine Entspannung des Fachkräftemangels. Die Stellen werden weniger, aber die Besetzung dauert noch länger.

Wie entwickelt sich die Beschäftigung in der Lebensmittelindustrie aktuell?

Auf den ersten Blick positiv: Die Beschäftigtenzahlen in der Ernährungsindustrie steigen.

Die wichtigsten Zahlen aus der BVE-Statistikbroschüre 2025:

  • 2024 waren 658.150 Menschen in der Branche beschäftigt, ein Plus von 2,1% gegenüber 2023 (644.454)
  • Die Zahl der Betriebe blieb mit 5.991 unverändert
  • Die Zahl der Auszubildenden stieg im September 2024 auf 26.162, ein Plus von 2,9% gegenüber 2023 (25.414)
  • Zum 30. Juni 2025 waren 22.454 Auszubildende in der Branche beschäftigt, ein Anstieg von 8,0% im Vergleich zum Vorjahr

Die Nahrungsmittelindustrie verzeichnete im Vorjahresvergleich zum Jahresende 2024 laut Destatis einen Beschäftigtenanstieg von 1,8%, und zwar als einzige große Branche des Verarbeitenden Gewerbes mit positivem Vorzeichen.

Im Zehnjahresvergleich hatte die Nahrungsmittelindustrie den höchsten absoluten Zuwachs aller Branchen des Verarbeitenden Gewerbes: +23,3% oder 94.000 auf 498.000 Beschäftigte (Destatis-Abgrenzung, Betriebe über 50 Beschäftigte).

Das sind alles positive Zahlen. Aber sie täuschen über ein fundamentales Problem hinweg: Die Stellen, die besetzt werden, dauern fast ein Jahr zur Besetzung. Und die emotionale Bindung der Beschäftigten ist auf einem historischen Tiefstand.

Welche Belegschaftsstruktur prägt die Lebensmittelindustrie und beeinflusst Fluktuation?

Die Belegschaftsstruktur der Lebensmittelindustrie ist stark produktionslastig. 74% der Beschäftigten arbeiten in Produktion, Logistik und Lagerarbeit (2023: 72%), nur 26% in Verwaltung und Management (2023: 28%).

Der Anteil der Männer liegt bei 58% (2023: 62%), der Anteil der Frauen bei 42% (2023: 38%).

Die Beschäftigungsformen zeigen eine hohe Stabilität auf dem Papier:

FormAnteil 2024Vorjahr
Vollzeit (unbefristet, SV-pflichtig)73%71%
Teilzeit13%14%
Befristungen7%7%
Saisonbeschäftigte4%4%
Zeitarbeit2%2%
Minijob1%1%

73% der Beschäftigten haben einen unbefristeten Vollzeitvertrag. Das klingt stabil. Aber: Sachgrundlose Befristungen werden zu 97% in Produktion, Lager und Logistik eingesetzt und zu nur 3% in Management und Verwaltung. 76% der Befristungen werden nicht verlängert (Vorjahr: 69%). Das ist ein dramatischer Anstieg.

Wenn drei Viertel aller Befristungen nicht verlängert werden, ist das ein klares Signal: Die Branche nutzt Befristungen als Drehtür, nicht als Einstieg in eine dauerhafte Beschäftigung.

Nur 19% der Beschäftigten können Homeoffice oder mobile Arbeit nutzen (2023: 16%), 81% arbeiten vor Ort. Das ist ein erheblicher Nachteil im Wettbewerb um Fachkräfte mit anderen Branchen, in denen Homeoffice-Quoten deutlich höher liegen.

Wie verstärkt der Fachkräftemangel die Fluktuation in der Lebensmittelindustrie?

Der Fachkräftemangel in der Lebensmittelindustrie ist kein abstraktes Problem, er ist messbar und verschärft sich Jahr für Jahr. Im Jahr 2024 blieben 12,1% aller Ausbildungsstellen unbesetzt (2023: 13%). Das klingt nach einer leichten Entspannung. Aber schauen Sie sich die Details an:

In technischen Berufen blieben 50% der Ausbildungsstellen unbesetzt (2023: 48%). Jede zweite technische Ausbildungsstelle findet keinen Azubi. In kaufmännischen Berufen sind es 24% (2023: 22%), in ernährungstypischen Berufen 26% (2023: 31%).

Die Schwierigkeit bei der Besetzung von Stellen hat sich dramatisch verschärft. Die Top 5 der schwer zu besetzenden Berufe zeigen das deutlich:

BerufAnteil 2024Vorjahr 2023
Elektroniker:in34,1%14,0%
Industriemechaniker:in31,0%9,5%
Fachinformatiker:in16,0%9,0%
Maschinen-/Anlagenführer:in15,1%9,5%
Mechatroniker:in14,0%12,7%

Die Schwierigkeit bei der Besetzung von Elektroniker-Stellen hat sich binnen eines Jahres von 14% auf 34,1% mehr als verdoppelt. Mehr als verdoppelt. Wenn Sie eine Elektronikerin suchen, haben Sie eine Chance von zwei zu eins, dass Sie die Stelle nicht besetzen können.

Im Lebensmittelhandwerk brechen mehr als 40% der Jugendlichen ihre Ausbildung ab. In Gastro-Küchen sogar jeder Zweite. Die Gewerkschaft NGG fordert laut Lebensmittelpraxis einen „Kurswechsel“ mit höheren Löhnen und kürzeren Arbeitszeiten, um mit anderen Branchen mithalten zu können.

Welche Rolle spielen Löhne und Tarifbindung in der Lebensmittelindustrie für Wechselentscheidungen?

Die Lohnkosten in der Nahrungsmittelherstellung sind ein zentraler Treiber für Fluktuation.

Die Zahlen sind eindeutig: Die Nahrungsmittelherstellung (C10) liegt mit durchschnittlichen Lohnkosten von 30,20 Euro pro Stunde weit unter dem Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes (46,20 Euro) und sogar unter dem gesamtwirtschaftlichen Schnitt (38,60 Euro). Nur das Gastgewerbe liegt noch deutlich darunter.

Die Lohnkosten nach Qualifikationsniveau zeigen das ganze Ausmaß:

WirtschaftszweigLohnkosten einfach (€/h)Lohnkosten mittel (€/h)Lohnkosten hoch (€/h)Durchschnitt (€/h)
C10 Nahrungsmittelherstellung25,6029,9060,7030,20
C11 Getränkeherstellung31,6043,7071,4043,80
C (Verarbeitendes Gewerbe gesamt)31,6044,2076,2046,20
C29 Automobilindustrie45,7058,7090,2063,90
C21 Pharma38,0056,5084,8059,80
I Gastgewerbe21,7024,4039,7023,60
Gesamtwirtschaft (A–S)26,1037,1062,4038,60

Sozialpolitik-aktuell stuft die Nahrungsmittelverarbeitung explizit als Niedriglohnbereich ein, zusammen mit Wettbüros, Call-Centern und der Gebäudebetreuung. Im Schlachten und Fleischverarbeitung lag der Medianverdienst 2022 laut Bundestag bei nur 2.482 Euro monatlich gegenüber 3.646 Euro in der Gesamtwirtschaft, rund 47% der Vollzeitbeschäftigten arbeiteten im unteren Entgeltbereich.

Die Tarifbindung der Beschäftigten in der Ernährungs- und Genussmittelindustrie lag im Jahr 2024 bei 48% (Branchentarif 34%, Haus-/Firmentarif 14%). Weitere 47% der Unternehmen orientieren sich jedoch daran. 52% der Betriebe haben keinen Tarifvertrag. Wenn die Hälfte der Betriebe keinen Tarifvertrag hat, fehlt eine verbindliche Lohnuntergrenze. Das drückt die Löhne zusätzlich.

Wie wirkt sich der hohe Krankenstand in der Lebensmittelindustrie auf Fluktuation aus?

Der Krankenstand im Verarbeitenden Gewerbe, zu dem die Nahrungsmittelherstellung zählt, liegt mit 7,3% am dritthöchsten aller Branchen. Nur die Öffentliche Verwaltung und das Gesundheitswesen liegen höher (beide 7,5%), gefolgt von Energie, Wasser, Entsorgung und Bergbau (7,4%). AOK-versicherte Erwerbstätige fehlten 2024 durchschnittlich 23,9 Tage.

Die Krankenstände der wichtigsten Branchen im Vergleich:

BrancheKrankenstand 2023
Öffentliche Verwaltung/Sozialversicherung7,5%
Gesundheits-/Sozialwesen7,5%
Energie, Wasser, Entsorgung, Bergbau7,4%
Verarbeitendes Gewerbe7,3%
Verkehr und Transport7,1%
Metallindustrie6,9%
Banken/Versicherungen4,5% (niedrigster)

Langzeiterkrankungen über sechs Wochen machen nur 3,3% der Fälle aus, aber 39,9% aller Fehltage.

Das bedeutet: Eine kleine Zahl sehr langer Ausfälle verursacht fast 40% aller Fehltage. Das erhöht die Belastung für die verbleibende Belegschaft massiv und kann eine Abwärtsspirale der Fluktuation auslösen.

Wenn Kollegen ausfallen, müssen die anderen mehr arbeiten, werden überlastet, werden selbst krank oder kündigen.

Wie beeinflussen Schichtarbeit und Arbeitsbelastung die Zufriedenheit in der Lebensmittelindustrie?

Rund 15% aller abhängig Beschäftigten in Deutschland arbeiten in Schichtarbeit. In der Lebensmittelproduktion liegt dieser Anteil systembedingt deutlich höher, weil kontinuierliche Produktionsprozesse, Kühlketten und Frischelogistik keine klassischen Bürozeiten kennen.

Die gesundheitlichen Folgen von Schichtarbeit sind laut BAuA wissenschaftlich belegt und dramatisch. Nur 23% der Schichtarbeitenden schätzen ihren Gesundheitszustand als „sehr gut“ oder „ausgezeichnet“ ein, gegenüber 34% bei Beschäftigten ohne Schichtarbeit.

Menschen, die in Schichtsystemen arbeiten, haben ein 30 bis 40 Prozent höheres Risiko für chronische Erschöpfung als Tagarbeiter.

Die wichtigsten Belastungsindikatoren im Vergleich:

IndikatorMit NachtarbeitOhne NachtarbeitOhne Schicht
Termin-/Leistungsdruck (häufig)56%46%
Schwere Lasten heben (häufig)37%38%15%
Feinmotorische Arbeit (häufig)52%54%28%
Gesundheitszustand sehr gut/ausgezeichnet23%34%

Schichtarbeitende sind deutlich häufiger belastenden Umgebungen wie Lärm, Hitze, Kälte, Rauch und Dämpfen ausgesetzt. Muskel-Skelett-Beschwerden und psychosomatische Symptome wie Schlafstörungen treten bei Schichtarbeitenden ebenfalls häufiger auf.

Die Branche ist durch einen hohen Anteil an Produktions- und Logistiktätigkeiten geprägt (74% der Belegschaft). Schichtarbeit, Kälte, Hitze, schweres Heben und monotone Arbeitsabläufe sind typisch.

Welche übergreifenden Motivationstrends treffen die Lebensmittelindustrie besonders?

Der Gallup Engagement Index, der seit 2001 jährlich erhoben wird, zeigt für 2024 historische Tiefstände bei der emotionalen Bindung. Und diese gesamtwirtschaftlichen Trends treffen die Lebensmittelindustrie besonders hart, weil die Branche durch niedrige Löhne, hohe körperliche Belastung und eingeschränkte Homeoffice-Möglichkeiten besonders vulnerabel für Bindungsverluste ist.

Die Zahlen sind alarmierend:

20242023
Hohe emotionale Bindung9% (erstmals einstellig)14%
Innere Kündigung13%19%
Dienst nach Vorschrift78% (Rekord)
Wechselabsicht (1 Jahr beim AG bleiben)50%53%

Nur noch 9% der Beschäftigten zeigen hohe emotionale Bindung, erstmals einstellig. 78% machen Dienst nach Vorschrift, ein Rekordwert. 50% der Beschäftigten planen, innerhalb eines Jahres den Arbeitgeber zu wechseln. Jeder Zweite. Die Kosten durch Produktivitätseinbußen aufgrund mangelnder emotionaler Bindung belaufen sich laut Statistischem Bundesamt für 2024 auf 113,1 bis 134,7 Milliarden Euro.

Diese Daten gelten gesamtwirtschaftlich, sind aber für die Lebensmittelindustrie besonders relevant. Wenn Sie niedrige Löhne zahlen, keine Homeoffice-Optionen bieten und hohe körperliche Belastung zumuten, sind Sie besonders anfällig für diese Trends. Die Beschäftigten bleiben nicht aus Überzeugung, sondern weil sie gerade keine bessere Alternative haben. Aber sie suchen.

Welche Hauptursachen treiben die Fluktuation in der Lebensmittelindustrie?

Die Hauptursachen für Fluktuation in der Lebensmittelindustrie sind strukturell und liegen auf der Hand:

  • Niedrige Vergütung: Die Lohnkosten liegen 35% unter dem Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes und 22% unter dem gesamtwirtschaftlichen Mittel, 47% der Vollzeitbeschäftigten in Schlachtung und Fleischverarbeitung arbeiten im unteren Entgeltbereich
  • Körperliche Belastung: 74% der Belegschaft arbeiten in Produktion, Logistik und Lagerarbeit, Schichtarbeit, Kälte, Hitze, schweres Heben und monotone Arbeitsabläufe sind typisch, nur 23% der Schichtarbeitenden schätzen ihren Gesundheitszustand als sehr gut ein
  • Eingeschränkte Flexibilität: Nur 19% können mobil arbeiten, 81% arbeiten vor Ort, das ist ein erheblicher Nachteil im Wettbewerb um Fachkräfte
  • Hoher Krankenstand: 7,3% Krankenstand, durchschnittlich 23,9 Fehltage, Langzeiterkrankungen verursachen 39,9% aller Fehltage, das erhöht die Belastung für die verbleibende Belegschaft
  • Mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten: Weiterbildung findet nahezu ausschließlich betriebsintern statt (99%), nur 10% der Unternehmen nahmen Fördermöglichkeiten in Anspruch, die kleinteilige Struktur der Branche (90% KMU) begrenzt die Karrieremöglichkeiten
  • Demografischer Wandel: Laut IW Köln könnten dem deutschen Arbeitsmarkt bis 2030 rund fünf Millionen Arbeitskräfte fehlen, die Ernährungsindustrie ist als Branche mit hohem Bedarf an gewerblichen Fachkräften besonders betroffen

Welche Maßnahmen können Unternehmen der Lebensmittelindustrie gegen Fluktuation ergreifen?

Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Es gibt konkrete Handlungsoptionen, und die meisten kosten weniger als die permanente Neubesetzung von Stellen.

Vergütung anheben und transparent kommunizieren

Sie konkurrieren nicht nur mit anderen Lebensmittelherstellern, sondern mit allen Branchen, die gewerbliche Fachkräfte suchen. Wenn Ihre Lohnkosten 35% unter dem Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes liegen, verlieren Sie gute Leute an die Konkurrenz. Die NGG empfiehlt für 2026 Tariferhöhungen von vier bis sechs Prozent bei 12-monatiger Laufzeit, mit Einstiegsentgelten nicht unter 14,70 Euro. Das ist kein Wunschdenken, das ist das Minimum, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Arbeitsbedingungen verbessern und Schichtmodelle optimieren

Vorwärtsrotierende Schichtmodelle (Früh, Spät, Nacht statt umgekehrt), maximal drei Nachtschichten in Folge und ausreichende Ruhezeiten senken die gesundheitliche Belastung messbar. Ergonomische Arbeitsplätze, Hebehilfen und Klimatisierung reduzieren Muskel-Skelett-Beschwerden und Hitzebelastung. Das kostet Geld, spart aber langfristig Krankheitskosten und Fluktuation.

Weiterbildung und Aufstiegsmöglichkeiten schaffen

Nur 10% der Unternehmen nutzen Fördermöglichkeiten für Weiterbildung. Das ist verschenktes Geld und verschenktes Potenzial. Nutzen Sie § 82 SGB III (Qualifizierungschancengesetz) und § 3 Nr. 19 EStG (steuerfreie Weiterbildung bis 600 Euro pro Jahr). Schaffen Sie klare Karrierepfade von der Produktion ins Management.

Betriebliches Gesundheitsmanagement etablieren

Bei einem Krankenstand von 7,3% und 23,9 Fehltagen pro Jahr können Sie sich kein schlechtes Gesundheitsmanagement leisten. Konkrete Maßnahmen:

  • Rückenprävention und ergonomische Arbeitsplatzgestaltung
  • Suchtberatung und psychosoziale Unterstützung
  • Betriebliche Krankenversicherung (bKV) für schnelleren Zugang zu Fachärzten
  • Strukturiertes Eingliederungsmanagement (BEM nach § 167 SGB IX) bei Langzeitausfällen

Diese Maßnahmen reduzieren Langzeitausfälle und Folgekosten messbar.

Mitarbeiterbindung aktiv messen und steuern

Führen Sie regelmäßige Mitarbeiterbefragungen durch, messen Sie Ihre eNPS (Employee Net Promoter Score) und Ihre Fluktuationsrate nach Bereichen, Altersgruppen und Betriebszugehörigkeit. Nur was Sie messen, können Sie steuern. Wenn 50% Ihrer Beschäftigten innerhalb eines Jahres wechseln wollen, müssen Sie das wissen.

Beschäftigungserwartungen 2025: Der Blick nach vorn wird vorsichtiger

Laut ANG-Arbeitspanel 2025 rechnen für 2025 nur noch 31,4% der Unternehmen mit einem Anstieg der Beschäftigtenzahlen (2024: 38%), 50% erwarten gleichbleibende Beschäftigung (2024: 49%) und 18,6% rechnen mit einem Rückgang (2024: 12%). Der Anteil pessimistischer Unternehmen ist von 12% auf 18,6% gestiegen, ein deutlicher Anstieg, der die konjunkturellen Unsicherheiten widerspiegelt.

Die ANG-Hauptgeschäftsführerin Kim Cheng forderte: „Die aktuellen Zahlen zeigen, dass sich unsere Branche aktiv um Nachwuchs und Fachkräfte bemüht. Damit diese Anstrengungen Wirkung entfalten können, braucht es verlässliche politische Rahmenbedingungen. Dazu zählen unter anderem weniger bürokratische Hürden bei der Fachkräfteeinwanderung, flexible Regelungen zur Arbeitszeitgestaltung, ein schlanker Verwaltungsaufwand für Arbeitgeber sowie eine planbare Abgabenstruktur.“

Fazit: „20% Fluktuation klingt stabil, aber 231 Tage Vakanzzeit zeigen die Realität“

Die Fluktuation im Verarbeitenden Gewerbe liegt bei circa 20% und damit deutlich unter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt von 30,6%. Das klingt stabil, täuscht aber über strukturelle Probleme hinweg.

Die Realität sieht anders aus:

  • Die Vakanzzeit liegt bei 231 bis 233 Tagen, Unternehmen müssen also fast ein Jahr einplanen um eine offene Stelle zu besetzen
  • Die Lohnkosten in der Nahrungsmittelherstellung liegen bei 30,20 Euro pro Stunde, rund 35% unter dem Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes
  • Der Krankenstand liegt bei 7,3%, die emotionale Bindung erreicht mit nur 9% einen historischen Tiefstand
  • 50% planen den Arbeitgeberwechsel innerhalb eines Jahres
  • In technischen Berufen bleiben 50% der Ausbildungsstellen unbesetzt
  • Die Schwierigkeit bei der Besetzung von Elektroniker-Stellen hat sich binnen eines Jahres von 14% auf 34,1% mehr als verdoppelt

Die Hauptursachen sind niedrige Vergütung, körperliche Belastung, eingeschränkte Flexibilität, hoher Krankenstand und mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten. Unternehmen sollten Vergütung anheben, Arbeitsbedingungen verbessern, Weiterbildung fördern, Gesundheitsmanagement etablieren und Mitarbeiterbindung aktiv messen.

Ich arbeite seit über 12 Jahren mit Unternehmen an Gesundheitsförderung und Mitarbeiterbindung. Die niedrige offizielle Fluktuation in der Lebensmittelindustrie ist kein Grund zur Entwarnung. Die Vakanzzeiten von fast einem Jahr und die emotionale Bindung von nur 9% zeigen die Realität.

Patrick Steeger

bKV-Experte

Über den Autor

Ich bin Patrick, Geschäftsführer von bKVfirmenservice.de. Seit 2015 beschäftige ich mich mit der betrieblichen Krankenversicherung – erst neun Jahre als Geschäftsführer in einem Versicherungskonzern, seit 2024 als unabhängiger Berater. Gemeinsam mit meinem Team unterstütze ich KMUs und Konzerne bei Benefits wie bAV, bKV und Gesundheitsbudgets. Mit diesem Blog teile ich meine Erfahrungen und zeige, wie Unternehmen Arbeitswelten schaffen, in denen Menschen gerne bleiben.
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