Der Krankenstand in Deutschland liegt 2025 bei 5,4% bis 5,83%, je nachdem, welche Krankenkasse Sie fragen. Dahinter stehen 19,5 Fehltage pro Beschäftigten (DAK), 22,3 Tage (BKK) oder sogar 23,9 Tage (AOK). Das sind fast drei Wochen pro Jahr, in denen Menschen zu krank sind, um zu arbeiten.
Seit 2022 ist der Krankenstand auf diesem historisch hohen Niveau und bleibt dort.
Die politische Debatte tobt: Sind die Deutschen wirklich so viel kränker als früher? Oder bilden sie sich das nur ein? Machen sie blau? Die Antwort ist komplexer als Sie vielleicht denken.
Und im europäischen Vergleich? Da wird’s interessant, denn je nachdem, welche Zahlen Sie betrachten, liegt Deutschland entweder an der Spitze oder im oberen Mittelfeld.
Das Wichtigste in Kürze:
- Der Krankenstand in Deutschland liegt 2025 bei 5,4% (DAK) bis 5,83% (BKK), das entspricht 19,5 bis 22,3 Fehltagen pro Beschäftigten und damit auf einem historisch hohen Niveau seit 2022
- Die drei häufigsten Krankheitsarten sind Atemwegserkrankungen (15-20% der Fehltage), Muskel-Skelett-Erkrankungen (19,8%) und psychische Erkrankungen (12,5%), letztere sind seit 2016 um über 50% gestiegen
- Die volkswirtschaftlichen Kosten belaufen sich auf 82 Milliarden Euro Lohnfortzahlung durch Arbeitgeber (2024) und 227 Milliarden Euro Bruttowertschöpfungsausfall, das entspricht 5,1% des Bruttonationaleinkommens
- Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei den registrierten Krankentagen an der Spitze (24,9 Tage laut OECD 2022), bei Befragungsdaten (EU-LFS) jedoch nur im oberen Mittelfeld (6,8% wöchentlicher Arbeitsausfall), die Unterschiede erklären sich durch unterschiedliche Erfassungssysteme
Wie hoch ist der Krankenstand aktuell in Deutschland?
Die Antwort hängt davon ab, wen Sie fragen. Die verschiedenen Krankenkassen messen leicht unterschiedlich, haben unterschiedliche Versichertenstrukturen und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen:
| Krankenkasse | Krankenstand 2024 | Fehltage/Kopf 2024 | Krankenstand 2025 | Fehltage/Kopf 2025 |
|---|---|---|---|---|
| BKK Dachverband | 5,90% | 22,3 Tage | 5,83% | k.A. |
| DAK-Gesundheit (IGES) | 5,4% | 19,7 Tage | 5,4% | 19,5 Tage |
| TK (Techniker) | 5,23% | 19,1 Tage | k.A. | k.A. |
| AOK (WIdO) | 6,5% | 23,9 Tage | k.A. | k.A. |
| hkk | 5,2% | 19,0 Tage | k.A. | k.A. |
Die Unterschiede zwischen den Kassen erklären sich durch unterschiedliche Versichertenstrukturen. Die AOK versichert überdurchschnittlich viele Beschäftigte in körperlich belastenden Branchen wie Bau, Produktion und Pflege. Die TK und DAK versichern mehr Angestellte und Akademiker in Bürojobs. Das schlägt sich in den Zahlen nieder.
Ein Durchschnittswert? Rechnen wir mit 5,4% bis 5,9% Krankenstand, das entspricht 19,5 bis 22 Fehltagen pro Beschäftigten. Das ist viel, historisch viel. Aber bevor wir uns aufregen: Es gibt gute Gründe dafür, und die haben weniger mit „Blaumachen“ zu tun als mit Statistik und Realität.
Was sind die häufigsten Krankheiten für Krankenstand in Deutschland?
Die drei großen Krankheitsgruppen machen zusammen 57,4% aller Fehltage aus:
| Krankheitsart | Anteil an Fehltagen | Ø Falldauer (Tage) | Anteil an AU-Fällen |
|---|---|---|---|
| Muskel-Skelett-Erkrankungen | 19,8% | 15,7 | 12,4% |
| Atemwegserkrankungen | 15,1% | 5,9 | 35,9% |
| Psychische Erkrankungen | 12,5% | 28,5 | 4,8% |
| Verletzungen | 9,3% | 19,2 | – |
| Herz-Kreislauf | 4,5% | 18,3 | – |
Schauen Sie sich die Falldauer an: Atemwegserkrankungen sind die häufigste Ursache für Krankschreibungen (35,9% aller Fälle), aber die Leute sind im Schnitt nur 5,9 Tage weg.
Eine Erkältung, eine Grippe, Sie kennen das. Psychische Erkrankungen machen nur 4,8% der Fälle aus, aber wenn jemand wegen Depression oder Burnout ausfällt, ist er durchschnittlich 28,5 Tage weg. Fast einen Monat. Das ist der Unterschied zwischen einer Woche mit Schnupfen und vier Wochen mit Depression.
Der DAK Psychreport aus 2025 zeigt einen dramatischen Anstieg: 2024 gab es 50% mehr Fehltage durch Depressionen als im Vorjahr. 183 Fehltage je 100 Beschäftigte allein durch Depressionen (2023: 122 Tage). Beim BKK Dachverband stieg der Anteil psychischer Erkrankungen am Krankenstand von 0,62% (2016) auf 0,96% (2025), ein Plus von über 50% in weniger als einem Jahrzehnt.
Wir reden hier von Menschen, die nicht mehr können. Die erschöpft sind, ausgebrannt, depressiv. Und die Zahlen steigen weiter.
Historische Entwicklung vom Krankenstand in Deutschland
Der Krankenstand in Deutschland ist seit 2022 auf einem historisch hohen Niveau und bleibt dort. Aber warum? Die Erklärung ist weniger dramatisch als Sie vielleicht denken.
Der BKK Dachverband bringt es auf den Punkt: „Der statistische Anstieg zeigt nicht mehr Krankheit, sondern mehr Transparenz.“ Am 01.01.2022 wurde die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) verpflichtend. Vorher ging der gelbe Schein oft in der Schublade verloren oder wurde nicht an die Krankenkasse weitergeleitet. Die DAK-Analyse zeigt: Der Anstieg bei Erkältungskrankheiten ist zu 60% durch diesen statistischen Effekt erklärbar.
Das heißt nicht, dass die Leute nicht wirklich krank waren. Sie waren krank, gingen zum Arzt, bekamen eine Krankmeldung, aber die Krankenkasse erfuhr nichts davon. Jetzt erfährt sie es. Das ist der Unterschied.
Gleichzeitig gibt es reale Anstiege: Nach dem Ende der Corona-Maßnahmen (Masken, Abstand, Homeoffice) kehrten Grippe, Erkältungen und andere Infektionskrankheiten zurück. Und psychische Erkrankungen steigen seit Jahren kontinuierlich, das ist kein statistischer Effekt, sondern ein echter Trend.
Wirtschaftliche Kosten: Wie teuer ist der Krankenstand in Deutschland?
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat für 2024 die umfassendste Kostenkalkulation vorgelegt:
| Kennzahl | Wert | Erklärung |
|---|---|---|
| AU-Tage gesamt | 881,5 Mio. | Das sind über 880 Millionen verlorene Arbeitstage |
| Durchschnitt pro Arbeitnehmer | 20,8 AU-Tage | Fast drei Wochen pro Person |
| Produktionsausfallkosten (Lohnkosten) | 134 Mrd. € | Was die Unternehmen direkt zahlen |
| Ausfall Bruttowertschöpfung | 227 Mrd. € | Was volkswirtschaftlich verloren geht |
| Anteil am Bruttonationaleinkommen | 5,1% | Mehr als jeder zwanzigste Euro |
Laut IW Köln brachten Arbeitgeber 2024 rund 82 Milliarden Euro für die Entgeltfortzahlung erkrankter Beschäftigter auf, davon 69,1 Milliarden Euro direkte Lohnfortzahlung und 13 Milliarden Euro Sozialabgaben. Innerhalb von drei Jahren sind die nominalen Aufwendungen um 10 Milliarden Euro gestiegen.
Zum Vergleich: Das Krankengeld der Kassen beträgt circa 21 Milliarden Euro. Die Lohnfortzahlung der Arbeitgeber übersteigt das um das Vierfache.
Kosten vom Krankenstand nach Diagnosegruppe
| Diagnosegruppe | AU-Tage (Mio.) | Anteil | Produktionsausfall (Mrd. €) | BWS-Ausfall (Mrd. €) |
|---|---|---|---|---|
| Muskel-Skelett | 171,3 | 19,4% | 26,1 | 44,2 |
| Atemwege | 159,2 | 18,1% | 24,3 | 41,0 |
| Psyche | 147,3 | 16,7% | 22,5 | 38,0 |
| Verletzungen/Unfälle | 82,3 | 9,3% | 12,5 | 21,2 |
| Kreislauf | 36,3 | 4,1% | 5,5 | 9,4 |
Psychische Erkrankungen verursachen 22,5 Milliarden Euro Produktionsausfall und 38 Milliarden Euro Bruttowertschöpfungsausfall. Das ist keine Kleinigkeit. Das sind echte Kosten, die in der Wirtschaft fehlen.
Vergleich: Krankenstand in Deutschland und Europa
Je nachdem, welche Zahlen Sie betrachten, liegt Deutschland entweder an der Spitze oder im oberen Mittelfeld. Der Grund dafür: Es gibt drei verschiedene Messmethoden, und jede liefert ein anderes Bild.
Methode 1: OECD – Registrierte bezahlte Krankentage (2022)
Diese Daten basieren auf Verwaltungsdaten der Krankenversicherungen. Deutschland steht hier an der Spitze:
| Land | Bezahlte Krankentage/Jahr |
|---|---|
| Deutschland | 24,9 |
| Lettland | 20,4 |
| Tschechien | 19,2 |
| Norwegen | 18,8 |
| Belgien | 15,5 |
| Niederlande | 15,0 |
| Österreich | 14,9 |
| Frankreich | 14,2 |
| Ungarn | 9,4 |
| Bulgarien | 6,1 |
Aber Vorsicht: Das IGES Institut warnt explizit, dass diese Daten „wegen unterschiedlicher Erfassungssysteme nicht direkt vergleichbar“ sind. Der sprunghafte Anstieg 2022 in Deutschland (von circa 20 auf 24,9 Tage) fällt exakt mit der eAU-Einführung zusammen.
Methode 2: EU Labour Force Survey (EU-LFS)- Wöchentlicher Arbeitsausfall (2023)
Diese Befragungsdaten messen den Anteil der Arbeitszeit, der wegen Krankheit verloren geht. Hier relativiert sich Deutschlands Position erheblich:
| Land | Anteil verlorener Arbeitszeit |
|---|---|
| Norwegen | 10,7% |
| Finnland | 10,0% |
| Spanien | 8,6% |
| Portugal | 7,6% |
| Slowenien | 7,2% |
| Schweden | 7,0% |
| Deutschland | 6,8% |
| Frankreich | 6,3% |
| Niederlande | 5,8% |
| Italien | 3,8% |
| Griechenland | 2,5% |
Nach dieser Methode liegt Deutschland nicht an der Spitze, sondern „im oberen Bereich“, an circa Platz 7 von 30+ Ländern.
Methode 3: WHO – Absenteeism from Work Due to Illness
Die WHO sammelt Daten aus 37 Ländern. Nach diesen Daten hat Polen die meisten Fehltage:
| Land | Fehltage/Jahr (WHO) |
|---|---|
| Polen | 34,0 |
| Bulgarien | 22,0 |
| Deutschland | 18,3 |
| Tschechien | 15,4 |
| Norwegen | 14,6 |
| UK | 4,4 |
Warum sind die Zahlen so unterschiedlich?
Die drei Methodiken messen Unterschiedliches:
- OECD-Registerdaten erfassen alle sozialversicherungsrechtlich gemeldeten AU-Tage. Deutschland hat durch die eAU eine nahezu vollständige Erfassung, andere Länder nicht
- EU-LFS ist eine Befragung (Selbstauskunft), die auch nicht gemeldete Kurzerkrankungen einschließt
- WHO nutzt nationale Registersysteme, die je nach Land unterschiedlich vollständig sind
Das IGES Institut kommt zu dem Schluss: „Beim Krankenstand liegt Deutschland im europäischen Vergleich im oberen Mittelfeld. Schlüssige Erklärungen für die länderspezifischen Unterschiede sind allerdings schwer zu finden.“
Aktuelle Länderdaten: Norwegen auf 15-Jahres-Hoch, Frankreich mit 80% Anstieg seit 2014
Bevor wir uns die einzelnen Länder anschauen, eine wichtige Erkenntnis vorweg: Der hohe Krankenstand ist kein rein deutsches Phänomen. Ganz Europa kämpft mit steigenden Fehlzeiten.
Norwegen verzeichnet die höchsten Krankenstände seit 15 Jahren, Frankreich hat einen Anstieg um 80% seit 2014 erlebt, Belgien meldet Rekordhochs bei Langzeiterkrankungen. Die Muster sind überall ähnlich: steigende psychische Erkrankungen, alternde Belegschaften, mehr Langzeitausfälle.
Das zeigt, dass wir es hier mit einem strukturellen Problem zu tun haben, nicht mit individuellem Fehlverhalten.
| Land | Krankenstand / Fehltage | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Norwegen | 6,48% (Q3 2025), Frauen 8,17%, Männer 5,04% | 100% Lohnfortzahlung für bis zu 52 Wochen, Krankmeldungen auf 15-Jahres-Hoch |
| Österreich | 15,1 Kalendertage (2024), Rückgang um 1,6% gg. 2023 | Arbeiter 18,9 Tage (47% mehr als Angestellte), Langzeitkrankenstände (≥40 Tage): 3,1% der Fälle = 39,8% aller Krankenstandstage |
| Frankreich | 5,3% Taux d’absentéisme (2024), +3% gg. Vorjahr | 3 Karenztage, dann 50% ab Tag 4 (Tarifverträge stocken oft auf 90% auf) |
| Niederlande | ca. 5% Ziekteverzuim (2024), 17 Arbeitstage Ø | 52% der 8,1 Mio. Arbeitnehmer mindestens einmal krank, Arbeitgeber zahlen 70% für bis zu 104 Wochen |
| Vereinigtes Königreich | 4,4 Fehltage (ONS 2024) | SSP nur 118,75 £/Wo. für max. 28 Wochen, erste 3 Tage unbezahlt, effektiv 47,50 £ in erster Woche |
| Belgien | 10% aller Arbeitstage verloren (2024) | Langzeitabsentismus (>1 Jahr): 3,14% in 2025 (Anstieg von 3,07% in 2024), über 500.000 Personen >1 Jahr arbeitsunfähig |
Norwegen zeigt eindrucksvoll: Trotz 100% Lohnfortzahlung für bis zu 52 Wochen liegt der wöchentliche Arbeitsausfall mit 10,7% sogar über Deutschland. Das widerlegt die These, dass großzügige Lohnfortzahlung automatisch zu höheren Krankenständen führt. Die Krankmeldungen sind auf einem 15-Jahres-Hoch, und das in einem Land mit einem der besten Sozialsysteme der Welt.
Österreich offenbart die soziale Spaltung besonders deutlich: Arbeiter fehlen 18,9 Tage, Angestellte nur 12,8 Tage. Das sind 47% mehr Fehltage für die Menschen, die körperlich arbeiten. Und noch eine Zahl: Langzeitkrankenstände (mindestens 40 Tage) machen nur 3,1% aller Fälle aus, verursachen aber 39,8% aller Krankenstandstage. Das ist das gleiche Muster wie in Deutschland: Wenige Langzeiterkrankte verursachen den Großteil der Fehltage.
Frankreich ist der Hammer: Absentéisme stieg um 80% zwischen 2014 und 2022. Das ist kein deutsches Phänomen, das ist ein europäischer Trend. Und Frankreich hat 3 Karenztage, Deutschland hat keine. Trotzdem steigt der Krankenstand in Frankreich stärker als in Deutschland. Die Gesamtkosten von 108 Milliarden Euro entsprechen circa 5% des BIP, ähnlich wie in Deutschland.
Die Niederlande zeigen eine Besonderheit: Arbeitgeber zahlen 70% des Lohns für bis zu 2 Jahre (104 Wochen). Das ist länger als in jedem anderen Land. Die Kosten pro krankem Arbeitnehmer liegen bei circa 400 Euro pro Tag. 52% der 8,1 Millionen Arbeitnehmer meldeten sich 2024 mindestens einmal krank.
UK bildet das andere Extrem: Erste 3 Tage unbezahlt, danach nur 118,75 Pfund pro Woche für maximal 28 Wochen. Das sind effektiv 47,50 Pfund in der ersten Woche. Im globalen Vergleich liegt das zwischen Indonesien und Sri Lanka. Trotzdem nur 4,4 Fehltage offiziell, was aber auch daran liegt, dass kurze Erkrankungen statistisch nicht erfasst werden. Ab April 2026 ist eine Reform geplant: SSP ab dem 1. Tag.
Belgien kämpft mit Rekordwerten beim Langzeitabsentismus: Über 500.000 Personen Ende 2023 waren länger als 1 Jahr arbeitsunfähig. Die Absentismus-Rate ist über 6 Jahre von 8,40% auf 10,30% gestiegen, das entspricht einem relativen Anstieg von 23%. Belgien kämpft mit denselben Problemen wie Deutschland: steigende psychische Erkrankungen, alternde Belegschaften, Langzeitausfälle.
Vergleich: Karenztage und Entgeltfortzahlung in Europa
Hier zeigt sich, warum simple Krankenstandsvergleiche so problematisch sind: Die Systeme sind fundamental unterschiedlich. Manche Länder haben Karenztage (unbezahlte Tage am Anfang), manche nicht.
Manche zahlen 100% Lohn, manche 50%. Manche für 6 Wochen, manche für 2 Jahre.
| Land | Karenztage | Entgeltfortzahlung (Arbeitgeber) | Krankengeld (Sozialversicherung) |
|---|---|---|---|
| Deutschland | 0 | 100%, 6 Wochen | 70% (Brutto), 78 Wochen |
| Österreich | 0 | 100%, 6–12 Wochen | 50–60%, 52 Wochen |
| Niederlande | 0 | 70%, 104 Wochen | entfällt (Arbeitgeber trägt alles) |
| Norwegen | 0 | 100%, 16 Tage | 100%, 52 Wochen |
| Luxemburg | 0 | 100%, 77 Tage | 100%, danach CMSS |
| Belgien | 0 | 100%, 1 Monat | 60%, 1 Jahr |
| Schweden | 1 Tag | 80%, Tag 2–14 | 80%, 364 Tage |
| Frankreich | 3 Tage | Ergänzung, ab Tag 4 | 50%, max. 3 Jahre |
| Italien | 3 Tage | 100% (CCNL), Tage 1–3 | 50–66,66%, 180 Tage |
| Spanien | 3 Tage | 60%, Tag 4–15 | 75%, ab Tag 16 |
| UK | 3 Tage | entfällt | SSP 118,75 £/Wo., 28 Wochen |
| Polen | 0 | 80%, 33 Tage | 80%, 182 Tage |
| Dänemark | 0 | 100%, 30 Tage | 100%, 22 Wochen |
| Finnland | 0 | 10 Tage | 70%, 43 Wochen |
Deutschland hat im europäischen Vergleich die großzügigste Entgeltfortzahlung: 100% des Bruttogehalts für 6 Wochen durch den Arbeitgeber, gefolgt von bis zu 72 weiteren Wochen Krankengeld (70% Brutto).
Die Gesamtdauer von bis zu 78 Wochen wird nur von wenigen Ländern übertroffen (Niederlande 104 Wochen, Griechenland 720 Tage, Portugal 1.095 Tage).
Deutschlands Sonderstellung: 100% Lohn ab Tag 1 für 6 Wochen, dann 70% für 72 weitere Wochen
Schauen Sie sich UK an: Erste 3 Tage unbezahlt, danach 118,75 Pfund pro Woche für maximal 28 Wochen. Das sind effektiv 47,50 Pfund in der ersten Woche. Wenn Sie in UK krank sind, bekommen Sie in der ersten Woche weniger Geld als in vielen Entwicklungsländern. In Deutschland? Voller Lohn ab Tag 1.
Oder Frankreich: 3 Karenztage (ohne Lohnfortzahlung), dann 50% ab Tag 4, wobei viele Tarifverträge auf 90% aufstocken. Aber auch das ist weniger als in Deutschland. Hier bekommen Sie 100% ab Tag 1, keine Abstriche, keine Wartezeit.
Oder Schweden: 1 Karenztag (unbezahlt), dann 80% für Tag 2 bis 14, danach Sozialversicherung 80% für bis zu 364 Tage. In Deutschland? 100% für 6 Wochen durch den Arbeitgeber, dann 70% Krankengeld für bis zu 72 weitere Wochen durch die Krankenkasse. Insgesamt bis zu 78 Wochen Absicherung, eineinhalb Jahre.
Das erklärt, warum deutsche Arbeitgeber mit 82 Milliarden Euro Lohnfortzahlung belastet sind. Das System ist großzügig für Arbeitnehmer, sehr großzügig sogar. Für Arbeitgeber teuer, sehr teuer sogar.
Aber es ist auch ein System, das Menschen in schwierigen Lebenssituationen auffängt. Jemand, der ernsthaft krank ist, muss sich in Deutschland keine Sorgen machen, dass er seine Miete nicht mehr zahlen kann.
Karenztag-Debatte: 40 Milliarden Euro Einsparung oder mehr kranke Menschen bei der Arbeit?
Allianz-Chef Oliver Bäte forderte im Januar 2025 die Wiedereinführung des Karenztages und bezifferte die möglichen Einsparungen auf 40 Milliarden Euro jährlich. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bezeichnete 14,5 Krankentage als zu viel. Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer unterstützte die Diskussion.
NRW-Unternehmer fordern Karenztage und die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung.
Die Gegenargumente sind aber mindestens genauso stark: Der DGB warnt, dass 63% der Beschäftigten bereits krank zur Arbeit gehen (Präsentismus).
Ein Karenztag würde noch mehr Menschen dazu bringen, krank zur Arbeit zu gehen. Und hier kommt der Knackpunkt: Die Forschung belegt, dass Präsentismus-Kosten (227 Milliarden Euro Bruttowertschöpfungsausfall) die Fehlzeiten-Kosten (82 Milliarden Euro Lohnfortzahlung) um ein Vielfaches übersteigen.
Was heißt das konkret? Jemand, der mit Grippe zur Arbeit kommt, steckt fünf Kollegen an. Die sind dann auch krank, aber kommen ebenfalls zur Arbeit, weil sie den Karenztag nicht verlieren wollen. Am Ende sind zehn Leute krank statt einer. Die Produktivität sinkt, die Fehlerquote steigt, und am Ende kostet es mehr als wenn der erste einfach zu Hause geblieben wäre.
TK-Vorstandschef Jens Baas warnte: „Die aktuelle Debatte über den hohen Krankenstand und mögliche Lösungen geht in die falsche Richtung.“ Die DAK-Analyse zeigt: Für systematischen Missbrauch, etwa der telefonischen Krankmeldung, gibt es keinerlei Anzeichen. Der Anstieg ist zu 60% durch die eAU erklärbar, den Rest erklären reale Anstiege bei psychischen Erkrankungen und Atemwegsinfekten.
Fazit: „Der Krankenstand ist hoch, die Karenztag-Debatte führt in die Irre“
Der Krankenstand in Deutschland liegt 2025 bei 19,5 bis 22,3 Fehltagen pro Beschäftigten.
Das ist historisch hoch. Die Haupterklärung ist die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU), die seit 2022 alle Krankmeldungen lückenlos erfasst. Zu 60% ist der Anstieg statistisch erklärbar:
- Psychische Erkrankungen sind seit 2016 um über 50% gestiegen, mit durchschnittlich 28,5 Tagen Ausfall pro Fall
- Die volkswirtschaftlichen Kosten: 82 Milliarden Euro Lohnfortzahlung, 227 Milliarden Euro Bruttowertschöpfungsausfall (5,1% des BNE)
- Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei registrierten Krankentagen an der Spitze (24,9 Tage OECD), bei Befragungsdaten nur im oberen Mittelfeld (6,8% wöchentlicher Arbeitsausfall, Platz 7)
- Länder mit Karenztagen (UK, Frankreich, Spanien) erfassen Kurzzeiterkrankungen statistisch nicht, Deutschland seit der eAU vollständig
- 63% der Beschäftigten gehen bereits krank zur Arbeit (Präsentismus), das kostet mehr (227 Milliarden Euro) als die Lohnfortzahlung (82 Milliarden Euro)
Die Karenztag-Debatte führt (fast sicher) in die Irre.
Ein Karenztag würde den Präsentismus erhöhen, mit potenziell höheren Gesamtkosten. Was wir brauchen, sind präventive Maßnahmen: betriebliches Gesundheitsmanagement, psychosoziale Beratung, flexible Arbeitszeitmodelle, betriebliche Krankenversicherung.