Rettungsdienstkräfte gehören zu den am stärksten belasteten Berufsgruppen in Deutschland. Mit durchschnittlich 26,04 Fehltagen pro Jahr liegen sie 56% über dem allgemeinen Branchendurchschnitt von 16,70 Tagen.
Die aktuellste bundesweite wissenschaftliche Studie, die EMS-Health-Studie (2023, n = 2.298), zeigt: 59,49% aller Rettungskräfte hatten mindestens eine Arbeitsunfähigkeit in den letzten 12 Monaten, mit durchschnittlich 19,35 AU-Tagen bei Betroffenen.
Gleichzeitig bestätigen 90,6% der Einsatzkräfte einen Fachkräftemangel in ihrer Organisation, und rund drei Viertel denken über einen Jobwechsel nach.
Die Kombination aus hoher physischer und psychischer Belastung, langen Arbeitszeiten und mangelnder Wertschätzung erzeugt eine Negativspirale, die den Krankenstand weiter antreibt.
Das Wichtigste in Kürze:
- Der Rettungsdienst weist mit durchschnittlich 26,04 Fehltagen pro Jahr (TK 2016) einen um 56% höheren Krankenstand auf als der Branchendurchschnitt von 16,70 Tagen, 59,49% aller Rettungskräfte hatten mindestens eine Arbeitsunfähigkeit in den letzten 12 Monaten (EMS-Health-Studie 2023)
- Die Hauptursachen sind Muskel-Skelett-Erkrankungen (häufigste Langzeitausfälle), Atemwegserkrankungen (häufigste Kurzzeitausfälle) und psychische Erkrankungen (stärkster Anstieg und längste Ausfallzeiten), wobei die PTBS-Prävalenz bei 6–36% liegt (Allgemeinbevölkerung: 3%) und die Depressionsrate bei 13,7% (doppelt so hoch wie Bevölkerung)
- Jüngere Rettungskräfte (18–29 Jahre) sind häufiger krank (15,04 Tage bei Betroffenen), ältere Beschäftigte (45–64 Jahre) aber deutlich länger (32,91 Tage), wobei 17,36% der über 45-Jährigen mehr als 30 AU-Tage aufweisen
- 90,6% der Einsatzkräfte bestätigen einen Fachkräftemangel, rund 75% denken über einen Jobwechsel nach, 85% beschreiben ihre Stimmung als genervt/unsicher/angespannt, und krankheitsbedingte Ausfälle sind der Hauptgrund dafür, dass Einsatzfahrzeuge nicht besetzt werden können
Wie hoch ist der Krankenstand im Rettungsdienst in Deutschland?
Der Krankenstand im Rettungsdienst liegt bei durchschnittlich 26,04 Fehltagen pro Jahr (TK Gesundheitsreport 2016). Das sind 56% mehr als der allgemeine Branchendurchschnitt von 16,70 Tagen. Das Gesundheitswesen insgesamt belegt Platz 2 aller Wirtschaftsgruppen beim Krankenstand.
Die aktuellste bundesweite wissenschaftliche Studie ist die EMS-Health-Studie (2023), eine Querschnittstudie mit 2.298 Rettungskräften. Die Ergebnisse sind alarmierend: 59,49% aller Befragten hatten mindestens eine AU in den letzten 12 Monaten. Bei Frauen waren es 60,10%, bei Männern 58,98%, nahezu geschlechtergleich.
Die durchschnittlichen AU-Tage lagen in der Gesamtstichprobe bei 11,38 Tagen. Aber das täuscht, denn wenn man nur die Betroffenen mit AU betrachtet, liegt der Durchschnitt bei 19,35 Tagen. Besonders besorgniserregend: 8,14% aller Teilnehmenden hatten mehr als 30 AU-Tage.
Zum Vergleich: Aktuelle TK-Daten für 2025 zeigen einen leichten Rückgang des allgemeinen Krankenstands auf 18,6 Tage je Erwerbsperson (2024: 19,1; 2023: 19,4).
Erkältungskrankheiten gingen zurück (4,25 Tage), ebenso Muskel-Skelett-Erkrankungen (2,62 Tage), während psychische Diagnosen weiter anstiegen auf 3,81 Fehltage pro Erwerbsperson.
Der Rettungsdienst liegt also deutlich über diesem bereits hohen Niveau.
| Kennzahl | Rettungsdienst | Gesamtdurchschnitt |
|---|---|---|
| Fehltage/Jahr (TK 2016) | 26,04 Tage | 16,70 Tage |
| Fehltage/Jahr (TK 2025, bundesweit) | – | 18,6 Tage |
| AOK Krankenstandsquote (Gesundheitswesen) | Platz 2 aller Branchen | – |
| AU-Betroffene in 12 Monaten (EMS-Health 2023) | 59,49% | – |
| Durchschnittliche AU-Tage (nur Betroffene) | 19,35 Tage | – |
| Anteil >30 AU-Tage | 8,14% | – |
Das Muster ist klar: Jüngere Rettungskräfte sind häufiger krank, ältere Beschäftigte aber deutlich länger. Die Altersgruppe 18–29 Jahre hatte durchschnittlich 15,04 AU-Tage (nur Betroffene), 5,67% hatten mehr als 30 AU-Tage. Bei den 30–44-Jährigen lagen die AU-Tage bei circa 19 Tagen, 10,79% hatten mehr als 30 AU-Tage. Bei den 45–64-Jährigen explodierten die Zahlen: 32,91 AU-Tage im Durchschnitt, 17,36% hatten mehr als 30 AU-Tage.
| Altersgruppe | AU-Tage (nur Betroffene) | Anteil >30 AU-Tage |
|---|---|---|
| 18–29 Jahre | 15,04 Tage | 5,67% |
| 30–44 Jahre | ca. 19 Tage | 10,79% |
| 45–64 Jahre | 32,91 Tage | 17,36% |
Daten des BRK Nürnberg-Stadt bestätigen diesen Trend: Beschäftigte unter 35 hatten 2018 durchschnittlich 11,38 Krankheitstage, 35- bis 55-Jährige 19,89 Tage und über 55-Jährige 23,09 Tage. Im Jahr 2019 stieg der kumulierte Ausfall auf 21,63 Tage ohne Kur-Behandlung (2018: 17,25 Tage).
Das ist ein Anstieg von 25% in nur einem Jahr.
Was sind die Ursachen der Arbeitsunfähigkeit im Rettungsdienst?
Die Ursachen für den hohen Krankenstand im Rettungsdienst sind vielfältig und interagieren miteinander. Die EMS-Health-Studie identifizierte mittels multivariater logistischer Regression mehrere Faktoren, die signifikant mit Arbeitsunfähigkeit assoziiert sind.
Die drei großen Krankheitsgruppen sind: Muskel-Skelett-Erkrankungen (Rückenschmerzen, HWS-Beschwerden) als häufigste Ursache für Langzeitausfälle, Atemwegserkrankungen (Erkältungen, Grippe) als häufigste Ursache für Kurzzeitausfälle und psychische Erkrankungen (Depression, PTBS, Burnout) mit dem stärksten Anstieg und den längsten Ausfallzeiten.
Tumorerkrankungen führen zu den längsten Einzelausfällen.
Rund 65% aller AU-Fälle dauern 1–7 Tage und verursachen nur 18% der gesamten AU-Tage. Die wenigen Langzeitfälle (>30 Tage) machen jedoch den Großteil der Fehltage aus. Nach dem AOK-Report 2025 verursachen Langzeitfälle (>30 Tage), die nur 3,5% aller Fälle darstellen, 44,8% aller Fehltage. Das ist das gleiche Muster wie in anderen Branchen: Wenige Langzeiterkrankte verursachen den Großteil der Kosten.
Faktoren, die das AU-Risiko erhöhen:
| Faktor | Odds Ratio (95% KI) | Bedeutung |
|---|---|---|
| Arthrose | 2,06 (1,07–3,95) | Doppeltes Risiko |
| Depression (letzte 12 Monate) | 1,71 (1,26–2,33) | 71% höheres Risiko |
| Asthma | 1,62 (1,13–2,33) | 62% höheres Risiko |
| Rückenbeschwerden (unterer Rücken) | 1,55 (1,24–1,94) | 55% höheres Risiko |
| Nackenbeschwerden (HWS) | 1,54 (1,21–1,95) | 54% höheres Risiko |
| 5–10 Dienstjahre (vs. <5) | 1,40 (1,04–1,89) | 40% höheres Risiko |
| Wöchentliche Arbeitsstunden (+1h) | 1,01 (1,00–1,02) | Jede Stunde mehr zählt |
Das sind beeindruckende Zahlen. Arthrose verdoppelt das Risiko, krank zu werden. Depression erhöht es um 71%. Rückenbeschwerden um 55%. Und jede zusätzliche Wochenarbeitsstunde erhöht das Risiko, wenn auch nur minimal. Aber bei 48 Stunden pro Woche versus 40 Stunden summiert sich das.
Interessant sind auch die Schutzfaktoren. Abitur (vs. Hauptschulabschluss) halbiert das AU-Risiko (OR: 0,51). Ländliches Einsatzgebiet senkt es um 35% (OR: 0,65), städtisches Einsatzgebiet um 28% (OR: 0,72). Die Arbeit in der Großstadt ist gegenüber ländlichen und städtischen Gebieten signifikant mit höherem AU-Risiko verbunden, vermutlich durch höheres Einsatzaufkommen, mehrstöckige Gebäude und dichtere Besiedelung.
Allein Köln verzeichnete 2020 über 172.000 Einsätze.
| Faktor | Odds Ratio (95% KI) | Bedeutung |
|---|---|---|
| Abitur (vs. Hauptschulabschluss) | 0,51 (0,30–0,88) | Halbiertes Risiko |
| Ländliches Einsatzgebiet | 0,65 (0,50–0,86) | 35% niedrigeres Risiko |
| Städtisches Einsatzgebiet | 0,72 (0,53–0,98) | 28% niedrigeres Risiko |
Psychische Gesundheit
Die psychische Belastung ist ein zentraler Treiber des Krankenstands im Rettungsdienst. Die PTBS-Prävalenz liegt je nach Studie und Messinstrument zwischen 6% und 36%. Im Vergleich dazu beträgt die PTBS-Rate in der Allgemeinbevölkerung nur circa 3%. Für Notärzte werden Raten von 16,8% berichtet. Eine Studie an 163 nicht-ärztlichen Rettungsdienstmitarbeitern ergab eine PTBS-Verdachtsdiagnose bei 6,7% (Impact of Event Scale).
Besonders alarmierend: Mit zunehmender Dienstzeit steigt das Risiko dramatisch. Bei mehr als 10 Jahren im Rettungsdienst liegt das relative Risiko für PTBS bei über dem Vierfachen. Das heißt, wer länger im Rettungsdienst bleibt, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit traumatisiert.
Die Depressionsrate bei Rettungsdienstmitarbeitenden wird auf 13,7% geschätzt, etwa doppelt so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Ein positives Depression-Screening (WHO-5 Score <50) zeigte sich bei 28,8% der befragten Rettungskräfte. Fast jeder Dritte. Depression war in der EMS-Health-Studie einer der stärksten Prädiktoren für Arbeitsunfähigkeit (OR: 1,71).
Burnout-Raten von 4,1–9% werden bei Notärzten und Rettungsdienstmitarbeitern berichtet. Eine Untersuchung des bayerischen Landesgesundheitsamtes ergab, dass sich 20,5% der Befragten im anfänglichen oder fortgeschrittenen Burnout-Prozess befanden. Zudem berichten 25% der Rettungskräfte über erhöhte emotionale Erschöpfung und 40% fühlen sich abgestumpfter im Patientenkontakt.
| Psychische Belastung | Rettungsdienst | Allgemeinbevölkerung |
|---|---|---|
| PTBS-Prävalenz | 6–36% | ca. 3% |
| Depressionsrate | 13,7% | ca. 7% |
| Positives Depression-Screening | 28,8% | – |
| Burnout (anfänglich/fortgeschritten) | 20,5% | – |
| Emotionale Erschöpfung (erhöht) | 25% | – |
Die psychischen Belastungsfaktoren im Rettungsdienst lassen sich in mehrere Kategorien einteilen.
- Einsatzbezogen: hohe Verantwortung, Entscheidungsdruck, Leidbelastung, traumatische Ereignisse, geringe Vorhersehbarkeit.
- Organisatorisch: Schichtarbeit, Wochenendarbeit, hohe Einsatzfrequenz, mangelnde Wertschätzung durch Vorgesetzte. Zwischenmenschlich: Gewalt gegen Rettungskräfte, Konflikte mit Vorgesetzten (14,6% erleben „sehr hohes“ Belastungsniveau durch Vorgesetztenkonflikte).
- Strukturell: Arbeitsplatzunsicherheit durch Vergabeverfahren (39% bei HiOrg-Mitarbeitern vs. 22% bei Berufsfeuerwehr).
Arbeitszeitbelastung und Schichtmodelle
Die überlange Arbeitszeit gilt als einer der wichtigsten Einflussfaktoren auf Gesundheit und Krankenstand im Rettungsdienst. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit aller Erwerbstätigen in Deutschland betrug 2019 circa 34,8 Stunden. Im Rettungsdienst können hingegen 48 Arbeitsstunden pro Woche die Regel sein.
Die bundesweite Umfrage 2024 der Universität Magdeburg ermittelte einen Durchschnitt von 45 Stunden/Woche (Range: 15–84 h). Im kommunalen Rettungsdienst gelten TVöD-basiert oft 48 Stunden, bei anderen Anbietern 40–47 Stunden.
Die EMS-Health-Studie bestätigt statistisch: Jede zusätzliche Wochenarbeitsstunde erhöht das AU-Risiko signifikant (OR: 1,01 pro Stunde). Ver.di fordert als ersten Schritt eine Absenkung auf 44 Wochenstunden im kommunalen Rettungsdienst und argumentiert, dass Beschäftigte über ein gesamtes Arbeitsleben gerechnet rund 10 Jahre mehr arbeiten als ihre TVöD-Kolleginnen und Kollegen in anderen Bereichen.
Der überwiegende Teil der Rettungskräfte (57,5%) arbeitet im 12-Stunden-Schichtmodell. Einzelne Kreise experimentieren mit 24-Stunden-Schichten (z.B. Kreis Lippe ab Februar 2026), wobei nach einer Schicht mindestens 48 Stunden frei folgen, allerdings nur an weniger ausgelasteten Standorten.
Im hochfrequentierten Stormarn wurde die pauschale 48-Stunden-Woche ab Juli 2024 durch ein belastungsangepasstes Modell mit 39 Wochenstunden Vollzeitsoll ersetzt.
Fachkräftemangel und Personalsituation
Die aktuellsten Daten zum Fachkräftemangel stammen aus der bundesweiten Erhebung 2024 der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (Veröffentlichung 2025, n = 1.328).
Die Ergebnisse sind erschreckend: 90,6% bestätigen einen Fachkräftemangel. Über 80% geben an, dass Einsatzfahrzeuge nicht besetzt werden können. Die Hauptursache für die Nichtbesetzung: krankheitsbedingte Ausfälle plus Personalmangel.
| Indikator | Ergebnis |
|---|---|
| Fachkräftemangel bestätigt | 90,6% |
| Einsatzfahrzeuge können nicht besetzt werden | >80% |
| Hauptursache Nichtbesetzung | Krankheitsbedingte Ausfälle + Personalmangel |
| Stimmung: genervt/unsicher/angespannt | 85% |
| Arbeitszufriedenheit verschlechtert | ca. 75% |
| Fühlen sich nicht wertgeschätzt | 56,7% |
| Psychische + physische Belastung gestiegen | >75% |
| Wunsch Stellenanteil zu reduzieren | 44,2% |
| Denken über Jobwechsel nach | ca. 75% |
Krankheitsbedingte Ausfälle und Personalmangel sind die Hauptursachen dafür, dass Einsatzfahrzeuge nicht besetzt werden können.
Es entsteht ein Teufelskreis: Hohe Krankenstände führen zu höherer Belastung der verbleibenden Kräfte, was wiederum deren Gesundheit und Zufriedenheit beeinträchtigt. 85% beschreiben ihre Stimmung als genervt, unsicher oder angespannt. 75% geben an, dass sich ihre Arbeitszufriedenheit verschlechtert hat.
56,7% fühlen sich nicht wertgeschätzt. Über 75% sagen, dass psychische und physische Belastung gestiegen sind. 44,2% wünschen sich, ihren Stellenanteil zu reduzieren. Und circa 75% denken über einen Jobwechsel nach.
Die Fluktuation im Rettungsdienst ist erheblich. Bereits die DBRD-Umfrage 2016 (n = ca. 1.000) zeigte, dass 93% einen Fachkräftemangel sahen und 54% bereits Fahrzeugabmeldungen erlebt hatten. Die Hauptabwanderungsziele: 29% nicht mehr im Rettungsdienst tätig, 26% andere Hilfsorganisation, 20% Berufsfeuerwehr, 12% Notaufnahme/Klinik, 7% Privatindustrie.
Besonders besorgniserregend: 48,37% der Notfallsanitäter-Auszubildenden rechnen damit, nicht länger als 10 Jahre im Rettungsdienst zu bleiben. Als Hauptgründe für einen Berufsausstieg nannten angehende Notfallsanitäter: 1) Rechtliche Handlungsunsicherheit, 2) Zu wenig Gehalt, 3) Zu wenig Aufstiegsmöglichkeiten, 4) Unternehmenskultur.
Nur circa 1% der Rettungsdienstmitarbeitenden arbeitet über ein Alter von 60 Jahren hinaus.
Wertschätzung und Gewalt im Rettungsdienst
Die Wertschätzung variiert stark nach Quelle. In einer Umfrage unter 578 Rettungskräften (Lechner, 2018) fühlten sich von Kollegen gut wertgeschätzt (76–87%), von Vorgesetzten jedoch deutlich weniger (45–60%).
Am geringsten war die Wertschätzung durch die Leitstelle (33–43%). Die 36- bis 45-Jährigen erlebten über alle Kategorien hinweg die geringste Wertschätzung. Diese „Risikogruppe“ zeigt auch die geringste Motivation und Identifikation mit dem Arbeitgeber.
Gewalt gegen Einsatzkräfte ist ein wachsendes Problem mit direkten Auswirkungen auf den Krankenstand. In einer Befragung von 520 Rettungskräften zeigte sich ein klares Muster: In Großstädten (>100.000 Einwohner) erlebten 38,4% verbale Gewalt, im ländlichen Raum (<100.000 Einwohner) waren es 28,1%.
Androhung körperlicher Gewalt: 23,7% in Großstädten vs. 13,9% ländlich. Schubsen/Schlagen/Treten: 9,9% vs. 7,3%. Anspucken: 8,6% vs. 5,2%. Hieb-/Stichwaffen: 2,2% vs. 1,4%.
| Gewaltform | Großstadt (>100.000 EW) | Ländlich (<100.000 EW) |
|---|---|---|
| Verbale Gewalt | 38,4% | 28,1% |
| Androhung körperlicher Gewalt | 23,7% | 13,9% |
| Schubsen/Schlagen/Treten | 9,9% | 7,3% |
| Anspucken | 8,6% | 5,2% |
| Hieb-/Stichwaffen | 2,2% | 1,4% |
Die Altersgruppe der 36- bis 45-Jährigen erlebt am häufigsten Gewalt (41% verbale Gewalt, 24,6% Androhung körperlicher Gewalt). Das ist dieselbe Gruppe, die auch die geringste Wertschätzung erlebt. Zufall?
Wie ist die Vergütung und Motivation beim Rettungsdienst?
Die Vergütung im Rettungsdienst wird regelmäßig als unzureichend bewertet.
Am Beispiel BRK Nürnberg-Stadt (Stand 2019): Rettungssanitäter verdienen 2.500–2.900 Euro brutto plus Zulagen. Notfallsanitäter 2.850–3.500 Euro brutto plus Zulagen. Das sind Bruttogehälter für Menschen, die Leben retten, mit Traumata konfrontiert werden, 48 Stunden pro Woche arbeiten und physisch wie psychisch bis an ihre Grenzen gehen.
In der Umfrage unter 578 Rettungskräften war der Hauptgrund, den Beruf nicht erneut zu wählen, die Verdienstmöglichkeiten (Rang 1), gefolgt von fehlenden Entwicklungschancen (Rang 2) und mangelnder Wertschätzung (Rang 3). Gleichzeitig waren die ursprünglichen Berufswahl-Motive primär ideell: 73,4% „abwechslungsreiche Tätigkeit“, 69,0% „Interesse an medizinischer Ausbildung“, 57,1% „das Gefühl, etwas Gutes zu tun“. Nur 2,8% nannten die Verdienstmöglichkeiten als Grund für die Berufswahl.
Das ist der Kern des Problems: Menschen gehen in den Rettungsdienst aus Idealismus. Sie wollen helfen, Leben retten, etwas Gutes tun. Aber die Realität holt sie ein. Niedrige Bezahlung, fehlende Aufstiegschancen, mangelnde Wertschätzung, Gewalt, Traumata, überlange Arbeitszeiten. Der Idealismus wird zerrieben.
Die Häufigkeit, mit der Rettungskräfte an eine Berufsaufgabe denken, verdeutlicht die Dimension der Krise (n = 528): Nie denken 41,3% daran. Jährlich 37,7%. Monatlich 14,0%. Wöchentlich 5,1%. Täglich 1,9%. Insgesamt denken 58,7% mindestens einmal jährlich an eine Berufsaufgabe.
In der aktuellsten Umfrage 2024 gaben sogar rund 75% an, über einen Jobwechsel nachzudenken.
| Häufigkeit | Anteil |
|---|---|
| Nie | 41,3% |
| Jährlich | 37,7% |
| Monatlich | 14,0% |
| Wöchentlich | 5,1% |
| Täglich | 1,9% |
Fazit: „Der Rettungsdienst kämpft mit 26 Fehltagen, 75% Jobwechsel-Gedanken und einem System am Limit“
Der Krankenstand im Rettungsdienst liegt mit 26,04 Fehltagen pro Jahr 56% über dem Branchendurchschnitt. 59,49% aller Rettungskräfte hatten mindestens eine Arbeitsunfähigkeit in den letzten 12 Monaten.
Das System steht vor dem Kollaps.
Die wichtigsten Erkenntnisse aus den Daten:
- Ältere Beschäftigte (45–64 Jahre) fallen mit 32,91 Tagen deutlich länger aus als jüngere (18–29 Jahre: 15,04 Tage), 17,36% der über 45-Jährigen haben mehr als 30 AU-Tage
- Die PTBS-Prävalenz liegt bei 6–36% (Allgemeinbevölkerung: 3%), die Depressionsrate bei 13,7% (doppelt so hoch wie Bevölkerung), 28,8% zeigen ein positives Depression-Screening
- Arthrose verdoppelt das AU-Risiko (OR: 2,06), Depression erhöht es um 71% (OR: 1,71), Rückenbeschwerden um 55% (OR: 1,55), jede zusätzliche Wochenarbeitsstunde erhöht das Risiko
- 90,6% bestätigen einen Fachkräftemangel, über 80% können Einsatzfahrzeuge nicht besetzen (Hauptursache: krankheitsbedingte Ausfälle), 75% denken über einen Jobwechsel nach
- In Großstädten erleben 38,4% verbale Gewalt, 23,7% Androhung körperlicher Gewalt, die Vergütung ist unzureichend (Rettungssanitäter 2.500–2.900 Euro, Notfallsanitäter 2.850–3.500 Euro brutto)
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