Wenn Unternehmen aus der Pflegebranche zu mir kommen, ist das erste Thema fast immer dasselbe: Die Ausfallzeiten fressen die Planung auf. Und das ist keine Übertreibung. Pflegekräfte sind kranker als jede andere Berufsgruppe in Deutschland, mit einem Abstand, der seit Jahren stabil bleibt.
Wer in der Pflege beschäftigt, wer Träger eines Pflegedienstes oder einer stationären Einrichtung ist, kommt an diesen Zahlen nicht vorbei.
Das Wichtigste in Kürze:
- Pflegekräfte fehlten 2024 im Schnitt 28,5 Tage krankheitsbedingt, das sind über 55 Prozent mehr als der gesamtdeutsche Durchschnitt von 18,2 Tagen (Quelle: Techniker Krankenkasse 2025)
- Altenpflegekräfte verzeichneten 2024 sogar 33,1 Fehltage pro Person und Jahr, also knapp sieben Wochen
- Stationäre Pflege führte 2023 das Branchenranking mit einem Krankenstand von 10,08 Prozent an, vor Metallerzeugung und Entsorgung
- Psychische Erkrankungen haben sich in der ambulanten Pflege seit 2009 verdoppelt und sind mittlerweile die häufigste Ursache für Langzeitausfälle
- Es gibt starke regionale Unterschiede: Kreis Viersen kommt auf 11,27 Prozent Krankenstand, der Rhein-Sieg-Kreis auf 6,49 Prozent
Wie hoch ist der Krankenstand in der Pflege in Deutschland?
Pflegekräfte sind die am stärksten belastete Berufsgruppe in Deutschland, gemessen an Fehltagen. Das zeigen die Daten der Techniker Krankenkasse, die jährlich zum Tag der Pflegenden veröffentlicht werden und auf einer Auswertungsbasis von rund 6 Millionen versicherten Erwerbspersonen beruhen.
Im Jahr 2024 fehlten Pflegekräfte bundesweit im Durchschnitt 28,5 Tage. Alle anderen Beschäftigten kamen auf 18,2 Tage. Altenpflegekräfte stachen dabei nochmals hervor: 33,1 Fehltage pro Person und Jahr, das sind fast sieben Wochen. Beschäftigte in der Krankenpflege kamen auf 26,7 Tage.
Tabelle 1: Fehltage nach Berufsgruppe 2024 (Quelle: TK-Pressemitteilung, 12. Mai 2025)
| Berufsgruppe | Ø Fehltage 2024 |
|---|---|
| Altenpflegekräfte | 33,1 Tage |
| Pflegekräfte gesamt | 28,5 Tage |
| Beschäftigte in der Krankenpflege | 26,7 Tage |
| Alle Beschäftigungsgruppen | 18,2 Tage |
Für das Jahr 2025 liegen bereits neue Daten vor. Laut TK-Pressemitteilung vom 11. Mai 2026, Datenbasis rund 6,2 Millionen Versicherte, sank der Wert leicht auf 27,8 Fehltage für Pflegekräfte gesamt, 32,7 Tage für Altenpflegekräfte und 25,8 Tage für die Krankenpflege. Laut TK ist das der zweite Rückgang in Folge, aber der Abstand zum Gesamtdurchschnitt von 17,7 Tagen bleibt erheblich.
Ambulante Pflege: Acht Prozent Krankenstand seit 2022
Für die ambulante Pflege liefert der Branchenbericht Ambulante Pflege 2024 des BGF-Instituts im Auftrag der AOK Rheinland und Hamburg besonders detaillierte Daten. Die Datenbasis: rund 30.000 AOK-versicherte Beschäftigte der ambulanten Pflege.
Der Krankenstand in der ambulanten Pflege der Region Rheinland und Hamburg stieg 2022 erstmals auf 8,49 Prozent und erreichte 2023 mit 8,70 Prozent einen neuen Höchstwert. Im Schnitt fehlte jede beschäftigte Person 2023 rund 31,8 Kalendertage. Die Arbeitsunfähigkeitsquote lag bei 70,7 Prozent, das heißt sieben von zehn Beschäftigten meldeten sich mindestens einmal krank.
Noch deutlicher wird das Bild bei der Gesundheitsquote: Nur 29,4 Prozent der Beschäftigten hatten 2023 keine einzige Krankschreibung, der niedrigste Wert seit zwanzig Jahren. 2020 lag dieser Anteil noch bei 44,8 Prozent.
Tabelle 2: Krankenstand in der ambulanten Pflege im Zeitverlauf (Quelle: BGF-Institut / AOK Rheinland/Hamburg, Branchenbericht Ambulante Pflege 2024)
| Jahr | Krankenstand | AU-Tage je 100 Versichertenjahre | Ø Falldauer |
|---|---|---|---|
| 2019 | 6,83 % | 2.493,6 | 14,4 Tage |
| 2020 | 6,78 % | 2.473,7 | 15,8 Tage |
| 2021 | 6,79 % | 2.478,3 | 16,0 Tage |
| 2022 | 8,49 % | 3.100,6 | 13,6 Tage |
| 2023 | 8,70 % | 3.176,7 | 12,4 Tage |
Auffällig: Die Falldauer sank von 16,0 Tagen in 2021 auf 12,4 Tage in 2023, während die AU-Fallzahl stark stieg. Das deutet darauf hin, dass mehr kurzfristige Erkrankungen auftreten, was teilweise auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab Januar 2023 zurückzuführen ist, die mehr Kurzzeiterkrankungen statistisch erfasst.
Historische Entwicklung des Krankenstands in der Pflege
Wer denkt, das sei ein neues Problem, liegt falsch. Der Krankenstand in der Pflege war schon vor 2020 überdurchschnittlich hoch. Was sich verändert hat, ist das Ausmaß.
Niedersachsen: Von 24 auf 31 Fehltage in vier Jahren
Die TK-Landesvertretung Niedersachsen hat eine Zeitreihe veröffentlicht (Pressemitteilung vom 28. Mai 2025), die den Trend sehr deutlich macht. Datenbasis: über 457.000 TK-versicherte Erwerbspersonen in Niedersachsen.
Tabelle 3: Fehltage von Pflegekräften in Niedersachsen (Quelle: TK Landesvertretung Niedersachsen, 2025)
| Jahr | Ø Fehltage Pflegekräfte Niedersachsen |
|---|---|
| 2019 | 24,0 Tage |
| 2020 | 23,8 Tage |
| 2021 | 23,9 Tage |
| 2022 | 30,0 Tage |
| 2023 | 31,0 Tage |
| 2024 | 29,4 Tage |
Von 2021 auf 2022 sprangen die Fehltage um mehr als sechs Tage nach oben, ein Anstieg von rund 25 Prozent in einem Jahr. 2024 lag der Wert mit 29,4 Tagen immer noch um 9,3 Tage über dem niedersächsischen Durchschnitt aller Berufe von 20,1 Tagen.
Baden-Württemberg: Leichte Entspannung auf hohem Niveau
Auch Baden-Württemberg zeigt einen ähnlichen Verlauf. Laut TK-Pressemitteilung vom 17. Juni 2026, Datenbasis rund 640.000 TK-versicherte Erwerbspersonen in Baden-Württemberg, erreichten die Fehltage 2022 einen Höchstwert von 25,3 Tagen, sanken bis 2025 auf 22,8 Tage. Altenpflegekräfte lagen 2025 mit 27,6 Fehltagen weiter deutlich über dem Schnitt aller Berufe in BW von 14,5 Tagen.
Psychische Diagnosen: Verdopplung seit 2009
Das ist der Trend, der mich in Gesprächen mit Pflegedienstträgern am meisten beschäftigt.
Laut Branchenbericht Ambulante Pflege 2024 (BGF-Institut / AOK Rheinland/Hamburg) haben sich Arbeitsunfähigkeiten aufgrund psychischer Erkrankungen in der ambulanten Pflege im Zeitraum von 2009 bis 2023 um hundert Prozent erhöht, gerechnet auf Basis eines Index von 2009 gleich 100 Prozent.
Dazu kommen Nerven- und Sinneserkrankungen, die seit 2009 um rund 60 Prozent zunahmen.
Welche sind die häufigsten Gründe für AU-Tage in der Pflege?
In der ambulanten Pflege 2023 waren psychische Erkrankungen für 18,47 Prozent aller AU-Tage verantwortlich, gefolgt von Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 16,64 Prozent und Atemwegserkrankungen mit 14,36 Prozent (Quelle: BGF-Institut / AOK Rheinland/Hamburg).
Das heißt: Psyche hat Muskel-Skelett als größten Einzeltreiber für AU-Tage überholt.
Bei den AU-Fällen sieht das Bild anders aus: Atemwegserkrankungen verursachten mit 26,94 Prozent der Fälle die meisten Krankschreibungen, also kurzfristig und häufig. Psychische Erkrankungen stehen bei den Fällen mit 6,69 Prozent weiter hinten, verursachen aber überproportional lange Ausfälle.
Tabelle 4: Hauptdiagnosegruppen nach Anteil AU-Tage, ambulante Pflege 2023 (Quelle: BGF-Institut / AOK Rheinland/Hamburg)
| Diagnosegruppe | Anteil AU-Tage 2023 | Anteil AU-Tage 2022 |
|---|---|---|
| Psychische Erkrankungen | 18,47 % | 16,19 % |
| Muskel-Skelett | 16,64 % | 16,16 % |
| Atemwege | 14,36 % | 15,01 % |
| Verletzungen | 6,66 % | 6,42 % |
| Nerven und Sinne | 5,48 % | 4,61 % |
| Infektionen | 4,28 % | 4,06 % |
| Herz-Kreislauf | 3,40 % | 3,31 % |
| Verdauung | 3,39 % | 3,03 % |
Sechs von zehn Spitzendiagnosen sind psychisch
Besonders eindrücklich ist die Liste der zehn häufigsten Diagnosen nach AU-Tagen in der ambulanten Pflege 2023. Sechs der zehn Positionen sind psychische Erkrankungen (Quelle: BGF-Institut / AOK Rheinland/Hamburg):
Tabelle 5: Top-10-Diagnosen nach AU-Tagen je 100 Versichertenjahre, ambulante Pflege 2023
| Rang | Diagnose | AU-Tage je 100 VJ |
|---|---|---|
| 1 | Akute Infektionen der oberen Atemwege | 377,0 |
| 2 | Depressive Episode | 303,5 |
| 3 | Rückenschmerzen | 294,7 |
| 4 | Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen | 281,2 |
| 5 | Andere Angststörungen | 146,8 |
| 6 | Rezidivierende depressive Störung | 127,1 |
| 7 | Andere neurotische Störungen | 119,0 |
| 8 | Covid-19 | 109,0 |
| 9 | Andere neurotische Störungen | 106,8 |
| 10 | Somatoforme Störungen | 86,0 |
Was die TK-Daten ergänzend zeigen
Laut TK-Pressemitteilung vom 12. Mai 2025 entfielen auf Pflegekräfte bundesweit 2024 je Person 5,7 Fehltage durch psychische Diagnosen, 5,7 Tage durch Erkrankungen des Atmungssystems und 4,9 Tage durch Muskel-Skelett-Erkrankungen.
Für 2025 zeigen die TK-Daten (TK-Pressemitteilung, 11. Mai 2026): 5,7 Tage psychische Erkrankungen, 5,3 Tage Atmungssystem, 4,8 Tage Muskel-Skelett.
Strukturelle Ursachen hinter den Zahlen
Die Ursachen sind keine Überraschung für jeden, der die Branche kennt. Die Krankenkassen benennen in ihren Berichten folgende Faktoren:
- Körperliche Belastung durch häufiges Heben, Bücken und Lagern erhöht die Rate an Muskel-Skelett-Erkrankungen
- Emotionale und psychische Belastung durch Konfrontation mit Leid, Sterben und herausfordernden Situationen, verstärkt durch Schichtarbeit
- Personalunterbesetzung führt zur Mehrbelastung der verbleibenden Kräfte, eine selbstverstärkende Spirale aus Krankenstand, Unterbesetzung und noch mehr Krankenstand
- Erhöhtes Infektionsrisiko durch häufigen Patientenkontakt
- Schichtarbeit und lange Arbeitszeiten als zentraler Belastungsfaktor (TK)
Der DAK-Psychreport für 2025 (IGES Institut, Datenbasis 2,42 Millionen erwerbstätige DAK-Versicherte) zeigt zudem: Im Gesundheitswesen lagen psychisch bedingte Fehltage um 39 Prozent über dem branchenübergreifenden Durchschnitt. Pflegeberufe und Altenpflege kamen auf 573 psychisch bedingte Fehltage je 100 Beschäftigte im Jahr 2024, verglichen mit 342 Tagen im Gesamtdurchschnitt.
Regionale Unterschiede im Krankenstand in der Pflege
Pauschale Aussagen über die Pflegebranche greifen zu kurz, weil die regionalen Unterschiede erheblich sind. Das zeigt der Branchenbericht Ambulante Pflege 2024 des BGF-Instituts sehr deutlich.
Im Jahr 2023 reichte die Spanne allein im Rheinland und Hamburg von 6,49 Prozent Krankenstand im Rhein-Sieg-Kreis bis 11,27 Prozent im Kreis Viersen, also fast das Doppelte.
Tabelle 6: Krankenstand in der ambulanten Pflege nach Regionen 2023 (Quelle: BGF-Institut / AOK Rheinland/Hamburg)
| Region | Krankenstand 2023 |
|---|---|
| Kreis Viersen | 11,27 % |
| ehem. Kreis Aachen | 10,67 % |
| Essen | 10,58 % |
| Kreis Heinsberg | 10,11 % |
| Rhein-Erft-Kreis | 10,03 % |
| Oberhausen | 9,74 % |
| Solingen | 9,55 % |
| Aachen | 8,72 % |
| Köln | 8,52 % |
| Düsseldorf | 8,10 % |
| Hamburg | 7,87 % |
| Rhein-Sieg-Kreis | 6,49 % |
| Rheinland gesamt | 8,70 % |
Psychische Belastung regional noch stärker gestreut
Noch größer sind die Unterschiede bei den psychisch bedingten Fehltagen. Der Kreis Viersen kommt auf 1.267,60 AU-Tage je 100 Versichertenjahre durch psychische Erkrankungen, der Rhein-Sieg-Kreis auf 420,80. Das entspricht einem Faktor von drei zwischen dem belastetsten und dem am wenigsten belasteten Kreis in der Region.
Für Träger und Unternehmen bedeutet das: Ein regionaler Vergleich lohnt sich. Wer in strukturell belasteten Regionen tätig ist, steht vor anderen Herausforderungen als ein Dienst in Hamburg oder im Rhein-Sieg-Kreis.
Branchenvergleich: Krankenstand in der Pflege vs. alle Branchen
Pflege ist nicht einfach eine belastete Branche. Sie belegt in fast allen Vergleichsstatistiken die vorderen Plätze, häufig den ersten.
Stationäre Pflege führt das Branchenranking an
Laut Branchenbericht Ambulante Pflege 2024 (BGF-Institut / AOK Rheinland/Hamburg), Branchenvergleich für 2023, verzeichnete die stationäre Pflege mit 10,08 Prozent den höchsten Krankenstand aller betrachteten Branchen. Die ambulante Pflege lag mit 8,70 Prozent auf Platz fünf.
Tabelle 7: Branchenranking nach Krankenstand 2023 (Quelle: BGF-Institut / AOK Rheinland/Hamburg)
| Branche | Krankenstand 2023 | Krankenstand 2022 |
|---|---|---|
| Stationäre Pflege | 10,08 % | 9,86 % |
| Metallerzeugung | 9,32 % | 9,00 % |
| Ver- und Entsorgung | 8,92 % | 8,83 % |
| Nahrungsmittelherstellung | 8,91 % | 8,87 % |
| Ambulante Pflege | 8,70 % | 8,49 % |
| Herstellung Metallwaren | 8,44 % | 8,29 % |
| Maschinenbau / Fahrzeugbau | 8,13 % | 8,04 % |
| Verkehr / Lagerei | 7,92 % | 7,62 % |
| Einzelhandel | 7,70 % | 7,43 % |
| Gesundheitswesen gesamt | 6,86 % | 6,65 % |
| Information / Kommunikation | 4,32 % | 4,08 % |
DAK-Daten bestätigen den Befund für 2024 und 2025
Der DAK-Gesundheitsreport für 2025 (IGES Institut, Datenbasis 2,4 Millionen DAK-versicherte Beschäftigte) weist das Gesundheitswesen mit einem Krankenstand von 6,3 Prozent für das Jahr 2024 als Spitzenreiter aller Branchen aus, deutlich über dem Gesamtdurchschnitt von 5,4 Prozent. Verkehr, Lagerei und Kurierdienste kamen auf 6,0 Prozent, Banken und Versicherungen auf 4,0 Prozent, Datenverarbeitung auf 3,5 Prozent.
Für 2025 zeigt der DAK-Gesundheitsreport für 2026 (Pressemitteilung vom 19. Januar 2026): Beschäftigte in der Pflege kamen auf einen Krankenstand von 8,1 Prozent, Kindertagesstätten auf 7,6 Prozent, Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeheimen auf 6,2 Prozent mit 22,5 Fehltagen pro Kopf, der höchste Wert aller Branchen.
Volkswirtschaftliche Dimension
Legt man die TK-Daten für 2024 auf die rund 1,7 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Pflegekräfte bundesweit um, ergeben sich rechnerisch etwa 48,5 Millionen verlorene Personentage pro Jahr allein in der Pflege (Quelle: pflegenot-deutschland.de auf Basis TK-Daten 2024).
Was das für Pflegeunternehmen konkret bedeutet, liegt auf der Hand. Wer als Träger die Zahlen kennt und nichts dagegen tut, lässt bares Geld liegen und verschlechtert gleichzeitig die Situation der verbleibenden Belegschaft. Das ist die selbstverstärkende Spirale, die die Krankenkassen seit Jahren beschreiben und die in der Branche noch immer zu selten strategisch angegangen wird.
Die entscheidende Frage für Sie als Träger oder Personalverantwortliche lautet also nicht, ob Ihr Haus betroffen ist. Die Frage ist, welche konkreten Maßnahmen Sie heute einleiten, um Ihre Belegschaft zu stabilisieren, bevor der nächste Ausfall Ihr Planungsgerüst wieder zum Einsturz bringt.