Keine andere Branche in Deutschland verzeichnet einen höheren Krankenstand als das Gesundheitswesen.
Das ist kein neues Problem, aber eines, das sich in den letzten Jahren weiter verschärft hat. Wer Menschen pflegt und behandelt, ist selbst überdurchschnittlich oft krank. Und wer als Träger einer Pflegeeinrichtung oder eines Krankenhauses die Personalplanung verantwortet, spürt das in der täglichen Schichtplanung.
Die Zahlen dazu kommen aus unterschiedlichen Quellen und klingen je nach Datenbasis unterschiedlich.
Das Wichtigste vorab:
- Das Gesundheitswesen führt laut DAK-Gesundheitsreport 2025 das Branchenranking mit 6,2 Prozent Krankenstand an und 22,5 Fehltagen pro Kopf, der höchste Wert aller Wirtschaftszweige
- Pflegekräfte fehlen 2025 durchschnittlich 27,8 Tage pro Jahr, Altenpflegekräfte sogar 32,7 Tage (TK, Datenbasis 6,2 Mio. Versicherte)
- Psychische Erkrankungen haben im ersten Halbjahr 2026 erstmals die Atemwegserkrankungen als häufigsten Krankschreibungsgrund abgelöst
- Gesamtdeutsch liegt der Krankenstand 2025 bei 5,4 Prozent (DAK) und 5,83 Prozent (BKK), mit leichten Entspannungstendenzen, aber weiter deutlich über dem Vorpandemieniveau
- Personalmangel und Krankenstand verstärken sich gegenseitig: Laut DAK liegt der Krankenstand in Branchen mit ausgeprägtem Fachkräftemangel bei bis zu 7,0 Prozent gegenüber einem Durchschnitt von 5,5 Prozent
Wie hoch ist der Krankenstand im Gesundheitswesen?
Das Gesundheitswesen belegt mit 6,2 Prozent Krankenstand und 22,5 Fehltagen pro Kopf Platz eins aller deutschen Wirtschaftszweige, gemessen an der DAK-Krankenstands-Analyse für 2025 (Datenbasis: 2,4 Mio. erwerbstätige Versicherte).
Zum Vergleich: Die Datenverarbeitungsbranche kommt auf 3,4 Prozent und 12,6 Fehltage, also weniger als die Hälfte. In früheren Auswertungen lagen die Werte sogar noch höher: 2024 wies die DAK 6,3 Prozent aus, in 2022 waren es 6,4 Prozent.
Die AOK- und WIdO-Auswertungen bestätigen das Bild. Für das Gesundheits- und Sozialwesen weist die AOK-Statistik für 2023 sogar rund 7,5 Prozent aus, weil das AOK-Kollektiv mit rund 15 Mio.
Mitgliedern einen höheren Anteil gewerblicher und körperlicher Berufe erfasst als die DAK.
Alle relevanten Quellen für 2025 und 2026 im direkten Vergleich:
| Quelle | Bezugsjahr | Krankenstand gesamt | Fehltage pro Kopf |
|---|---|---|---|
| DAK-Gesundheit / IGES | 2025 (Gesamtjahr) | 5,4 % | 19,5 Tage |
| DAK-Gesundheit / IGES | 2026 (1. Halbjahr) | 5,3 % | – |
| Techniker Krankenkasse | 2025 | – | 18,6 Tage |
| BKK Dachverband | 2025 (Jahresmittel) | 5,83 % | – |
| BKK Dachverband | 2026 (Q1) | 6,41 % | – |
| AOK / WIdO Fehlzeiten-Report | 2024 | 6,5 % | 23,9 Tage |
| AOK / WIdO Fehlzeiten-Bilanz | 2025 | – | 23,3 Tage |
| Statistisches Bundesamt | 2025 | – | 14,6 Arbeitstage |
Die Unterschiede zwischen den Quellen erklären sich durch unterschiedliche Versichertenkollektive, Zählweisen (Kalendertage versus Arbeitstage) und Altersstrukturen. Für eine belastbare Einschätzung lohnt es sich, stets mehrere Quellen zusammenzuführen.
Legen Sie für den eigenen Vergleich fest, welche Zählweise Sie verwenden, und bleiben Sie dabei. Wer den Wert der Kasse gegen die eigene Quote auf Sollarbeitstage hält, vergleicht zwei verschiedene Größen und landet regelmäßig bei einem zu düsteren Bild.
Über rund 20 Jahre lag der GKV-Krankenstand konstant unter 4,5 Prozent. Die Corona-Pandemie trieb ihn scharf nach oben:
- 2022: historischer Höchstwert von 6,4 Prozent im Gesundheitswesen (DAK)
- 2023: GKV-Gesamtkrankenstand von 6,1 Prozent, ebenfalls historischer Höchststand
- 2024: leichter Rückgang auf 6,3 Prozent im Gesundheitswesen
- 2025: weitere leichte Entspannung auf 6,2 Prozent, weiter Platz eins aller Branchen
Trotzdem warnen DAK und BKK vor einer Entwarnung. Der aktuelle Stand liegt immer noch deutlich über dem Vorpandemieniveau und eine echte Trendwende ist statistisch noch nicht belegt.
Krankenstand bei Pflegekräften
Innerhalb des Gesundheitswesens sind Pflegekräfte die am stärksten belastete Berufsgruppe.
Laut TK-Pressemitteilung vom 11. Mai 2026 (Datenbasis: rund 6,2 Mio. TK-Versicherte) kamen Pflegekräfte 2025 auf durchschnittlich 27,8 Fehltage, also rund zehn Tage mehr als der Durchschnitt aller Berufstätigen mit 17,7 Tagen. Das ist das zweite Jahr in Folge mit einem leichten Rückgang, der Abstand zum Gesamtschnitt bleibt aber erheblich.
Innerhalb der Pflege gibt es deutliche Unterschiede nach Berufsfeld:
| Berufsgruppe | Fehltage 2025 | Hauptursachen (Fehltage) |
|---|---|---|
| Alle Berufstätigen | 17,7 Tage | Psychisch: 3,3 |
| Pflegekräfte gesamt | 27,8 Tage | Psychisch: 5,7 / Atmung: 5,3 / Muskel-Skelett: 4,8 |
| Altenpflegekräfte | 32,7 Tage | – |
| Krankenpflege | 25,8 Tage | – |
Quelle: TK, Pressemitteilung 11. Mai 2026
Altenpflegekräfte fehlen damit fast sieben Wochen pro Jahr. Das hat konkrete Auswirkungen auf die Dienstplanung, auf die verbleibende Belegschaft, die die Ausfälle kompensieren muss, und auf die Qualität der Versorgung. Ein selbstverstärkender Kreislauf, der aus den Daten klar hervorgeht: Mehr Ausfälle bedeuten mehr Belastung für die Anwesenden, was wiederum weitere Ausfälle begünstigt.

Sieben Wochen Ausfall je Kopf bedeuten in einer Einrichtung mit 60 Beschäftigten rechnerisch acht dauerhaft unbesetzte Stellen. Genau diese Zahl fehlt in den meisten Dienstplänen, und genau sie erklärt die Stimmung im Team.

Historisch zeigt die BGW-Langzeitanalyse “Pflege in Deutschland – 2012 bis 2018” bereits vor der Pandemie einen Anstieg von 25 auf 27,7 Fehltage in der Altenpflege und von 20 auf 23,5 Tage in der Krankenpflege. Der heutige Stand liegt also noch einmal deutlich über diesen Werten.
Der Berufsgesundheits-Index (BeGX) der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) unterstreicht das. In 2022, dem letzten verfügbaren Messjahr, sank der BeGX auf 90 Punkte in der Altenpflege und auf 77 Punkte in der Krankenpflege, die niedrigsten Werte seit dem Basisjahr 2013.
Besonders die Dimension “Arbeits- und Erwerbsfähigkeit” brach in der Krankenhauspflege auf nur 7 Punkte ein. Pflegekräfte arbeiten im Schnitt 32 AU-Tage, doppelt so viel wie der branchenübergreifende Durchschnitt.
Gründe für den hohen Krankenstand im Gesundheitswesen
Wer sich die Zahlen anschaut, ahnt die Ursachen. Die Forschungslage bestätigt sie. Mehrere Faktoren wirken dabei gleichzeitig und verstärken sich gegenseitig.
Psychische Erkrankungen dominieren bei langen Ausfällen
Psychische Erkrankungen haben sich zum Haupttreiber langer Ausfälle entwickelt. Im ersten Halbjahr 2026 haben sie laut IGES-Analyse (DAK) erstmals die Atemwegserkrankungen als häufigsten Krankschreibungsgrund abgelöst. Psychisch bedingte Krankschreibungen stiegen in diesem Zeitraum um 9 Prozent, während Atemwegserkrankungen um 21 Prozent sanken.
Bei Pflegekräften liegt der psychische Anteil mit 5,7 Fehltagen pro Person deutlich über dem Gesamtschnitt aller Berufstätigen mit 3,3 Tagen. Das hat strukturelle Gründe: Pflegearbeit bedeutet die tägliche Konfrontation mit Leid, Sterben und herausfordernden Situationen, kombiniert mit Schichtarbeit und dem Wissen, dass die eigene Abwesenheit die verbleibenden Kollegen unmittelbar trifft.
Körperliche Belastung durch Heben, Schicht und Infektionsrisiko
Pflegearbeit ist körperlich eine der anspruchsvollsten Tätigkeiten im deutschen Arbeitsmarkt. Das schlägt sich direkt in den Diagnosegruppen nieder, die für die Fehltage verantwortlich sind.
Besonders Muskel-Skelett-Erkrankungen und Atemwegsinfekte ziehen sich durch alle Auswertungen. Hinzu kommen strukturelle Faktoren wie Schichtarbeit und ein Risiko, das in keiner anderen Branche so präsent ist: körperliche Übergriffe durch Patienten oder Bewohner. Die BGW dokumentiert dazu konkrete Zahlen:
- Muskel-Skelett-Erkrankungen verursachen bei Pflegekräften 4,8 Fehltage, deutlich über dem Gesamtschnitt. Häufiges Heben und Umbetten erhöhen das Risiko für Rücken- und Gelenkprobleme strukturell
- Atemwegsinfektionen schlagen mit 5,3 Fehltagen zu Buche, begünstigt durch engen Patientenkontakt und schwer zu verbessernde Hygienebedingungen im Pflegealltag
- Schichtarbeit stört den Schlaf-Wach-Rhythmus und schwächt das Immunsystem, was die Anfälligkeit für Infekte zusätzlich erhöht
- Gewalt und Aggression durch Patienten oder Bewohner verursachen laut BGW rund 5.300 Arbeitsunfälle mit mindestens dreitägiger Fehlzeit pro Jahr, nahezu zwei Drittel davon in Pflege und Beratung
Alle vier Faktoren wirken gleichzeitig und unabhängig voneinander. Wer als Träger nur einen davon adressiert, reduziert den Krankenstand, aber nicht so stark wie möglich.
Beginnen Sie mit der Diagnosegruppe, die bei Ihnen die meisten Tage frisst. In der Pflege sind das psychische Erkrankungen vor Muskel-Skelett-Beschwerden. Wer stattdessen mit dem Obstkorb startet, verliert ein Jahr.
Personalmangel als Verstärker
Wer als Träger von Pflegeeinrichtungen die Ausgangsbelastung bereits kennt, muss außerdem die Rückkopplungsdynamik im Blick haben. Laut DAK liegt der Krankenstand in Branchen mit ausgeprägtem Fachkräftemangel bei bis zu 7,0 Prozent gegenüber einem Durchschnitt von 5,5 Prozent.
Der AOK-Fehlzeiten-Report 2024 beschreibt diesen Zusammenhang als sich selbst verstärkenden Kreislauf: Personalmangel führt zu Überlastung und höherem Krankenstand, was wiederum die Abwanderungsbereitschaft von Pflegekräften erhöht.
Wer zu wenig Personal hat, produziert statistisch mehr Krankenstand. Wer mehr Krankenstand hat, verliert schneller Personal. Es gibt keinen einfachen Ausweg aus dieser Dynamik, aber es gibt Hebel.

Der Kreislauf dreht sich in beide Richtungen. Jede Stelle, die Sie besetzen, senkt die Belastung der übrigen und damit deren Ausfallrisiko. Das ist der Grund, warum Bindung bei Trägern schneller wirkt als Recruiting.

Maßnahmen zur Senkung des Krankenstands im Gesundheitswesen
Ich sehe in meiner Beratungsarbeit regelmäßig den Unterschied zwischen Trägern, die auf den Krankenstand reagieren, und solchen, die ihn aktiv angehen. Das ist kein kleiner Unterschied. Wer wartet, bis Mitarbeitende ausfallen, bezahlt den Krankenstand teuer: durch Springer-Kosten, durch Überstunden der verbleibenden Kolleginnen und Kollegen und durch beschleunigte Fluktuation.
Wirksame Maßnahmen setzen auf vier Ebenen an.
Gesundheitsmanagement strukturieren, nicht improvisieren
Ein betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) nach § 20b SGB V ist für Einrichtungen ab einer bestimmten Größe kein Luxus, sondern ein steuerlich gefördertes Instrument. Arbeitgeber können pro Mitarbeitendem und Jahr bis zu 600 Euro steuer- und sozialversicherungsfrei für zertifizierte Gesundheitsmaßnahmen einsetzen (§ 3 Nr. 34 EStG).
Konkrete Ansätze könnten an der Stelle sein:
- Rückenschulungen und ergonomische Arbeitsplatzgestaltung für körperlich belastete Berufsgruppen
- Stressbewältigungs- und Entspannungskurse als zertifizierte Präventionsmaßnahmen
- Angebote zur mentalen Gesundheit, darunter Supervision, Coaching und niedrigschwellige psychologische Unterstützung
Betriebliche Krankenversicherung als struktureller Benefit
Eine betriebliche Krankenversicherung (bKV) ist für Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser besonders relevant, weil sie zwei Ziele gleichzeitig verfolgt: Sie unterstützt die Gesundheit der Mitarbeitenden präventiv, und sie signalisiert Wertschätzung in einem Berufsfeld, in dem Fachkräfte viele Alternativen haben.
Budgettarife zwischen 300 und 1.600 Euro pro Jahr ermöglichen Mitarbeitenden den Zugang zu Leistungen, die die GKV nicht abdeckt: Zahnersatz, professionelle Zahnreinigung, Sehhilfen, Naturheilverfahren und Vorsorge. Über die 50-Euro-Sachbezugsfreigrenze nach § 8 Abs. 2 S. 11 EStG sind Beiträge bis 50 Euro monatlich steuer- und sozialabgabenfrei, zuzüglich der 600 Euro nach § 3 Nr. 34 EStG für Gesundheitsmaßnahmen. Beide Regelungen lassen sich parallel nutzen.
Achten Sie in der Pflege besonders auf Wartezeiten und auf die Aufnahme ohne Gesundheitsprüfung. Beides entscheidet darüber, ob auch die Kollegin mit laufender Behandlung etwas von dem Budget hat.
Schichtarbeit und Arbeitsorganisation gezielt gestalten
Schichtarbeit lässt sich in Pflege und Klinik nicht vermeiden, aber sie lässt sich besser oder schlechter organisieren. Evidenzbasierte Ansätze:
- Vorwärtsrotation der Schichten (von Früh auf Spät auf Nacht) belastet den circadianen Rhythmus weniger als Rückwärtsrotation
- Selbstbestimmte Dienstplangestaltung, also Mitarbeitende, die mitbestimmen können, wann sie arbeiten, reduziert psychische Belastung nachweislich
- Ausreichende Regenerationszeiten zwischen Schichten einplanen, mindestens elf Stunden sind arbeitsrechtlich vorgeschrieben, mehr ist gesundheitlich besser
Führungskräfte als zentraler Faktor
Studien zeigen: Der wichtigste Einzelfaktor für den Krankenstand einer Abteilung ist die direkte Führungskraft. Führungskräfte, die Überlastung früh erkennen, die psychologisch sicher Feedback annehmen und die bei Überforderung aktiv eingreifen, reduzieren nachweislich den Krankenstand ihrer Teams.
Das bedeutet für Träger konkret:
- Investitionen in Führungskräftetraining rechnen sich über niedrigere Fehlzeiten
- Regelmäßige Mitarbeitergespräche, auch jenseits formaler Rückkehrgespräche, signalisieren Wertschätzung und erkennen Belastungen früh
- Psychische Sicherheit im Team, also das Gefühl, offen über Belastung sprechen zu können, ist kein weiches Konzept, sondern ein messbarer Schutzfaktor








