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Krankenstand in Deutschland im europäischen Vergleich (2026)

Beschäftigte in Deutschland fehlen 19,5 bis 22,3 Tage im Jahr.

Patrick Steeger
Geschäftsführer & Versicherungsmakler (§ 34d GewO)
Zuletzt aktualisiert
26. Februar 2026
Lesezeit
12 Min.
Ein Geschäftsmann im Anzug blickt im Büro nachdenklich auf einen verwaisten Arbeitsplatz mit leerem Bürostuhl

Der Krankenstand in Deutschland liegt 2025 bei 5,4% bis 5,83%, je nachdem, welche Krankenkasse Sie fragen. Dahinter stehen 19,5 Fehltage pro Beschäftigten (DAK), 22,3 Tage (BKK) oder sogar 23,9 Tage (AOK). Das sind fast drei Wochen pro Jahr, in denen Menschen zu krank sind, um zu arbeiten.

Seit 2022 ist der Krankenstand auf diesem historisch hohen Niveau und bleibt dort.

Die politische Debatte tobt: Sind die Deutschen wirklich so viel kränker als früher? Oder bilden sie sich das nur ein? Machen sie blau? Die Antwort ist komplexer als Sie vielleicht denken.

Und im europäischen Vergleich? Da wird’s interessant, denn je nachdem, welche Zahlen Sie betrachten, liegt Deutschland entweder an der Spitze oder im oberen Mittelfeld.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Der Krankenstand in Deutschland liegt 2025 bei 5,4% (DAK) bis 5,83% (BKK), das entspricht 19,5 bis 22,3 Fehltagen pro Beschäftigten und damit auf einem historisch hohen Niveau seit 2022
  • Die drei häufigsten Krankheitsarten sind Atemwegserkrankungen (15-20% der Fehltage), Muskel-Skelett-Erkrankungen (19,8%) und psychische Erkrankungen (12,5%), letztere sind seit 2016 um über 50% gestiegen
  • Die volkswirtschaftlichen Kosten belaufen sich auf 82 Milliarden Euro Lohnfortzahlung durch Arbeitgeber (2024) und 227 Milliarden Euro Bruttowertschöpfungsausfall, das entspricht 5,1% des Bruttonationaleinkommens
  • Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei den registrierten Krankentagen an der Spitze (24,9 Tage laut OECD 2022), bei Befragungsdaten (EU-LFS) jedoch nur im oberen Mittelfeld (6,8% wöchentlicher Arbeitsausfall), die Unterschiede erklären sich durch unterschiedliche Erfassungssysteme

Wie hoch ist der Krankenstand aktuell in Deutschland?

Die Antwort hängt davon ab, wen Sie fragen. Die verschiedenen Krankenkassen messen leicht unterschiedlich, haben unterschiedliche Versichertenstrukturen und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen:

KrankenkasseKrankenstand 2024Fehltage/Kopf 2024Krankenstand 2025Fehltage/Kopf 2025
BKK Dachverband5,90%22,3 Tage5,83%k.A.
DAK-Gesundheit (IGES)5,4%19,7 Tage5,4%19,5 Tage
TK (Techniker)5,23%19,1 Tagek.A.k.A.
AOK (WIdO)6,5%23,9 Tagek.A.k.A.
hkk5,2%19,0 Tagek.A.k.A.

Die Unterschiede zwischen den Kassen erklären sich durch unterschiedliche Versichertenstrukturen. Die AOK versichert überdurchschnittlich viele Beschäftigte in körperlich belastenden Branchen wie Bau, Produktion und Pflege. Die TK und DAK versichern mehr Angestellte und Akademiker in Bürojobs. Das schlägt sich in den Zahlen nieder.

Ein Durchschnittswert? Rechnen wir mit 5,4% bis 5,9% Krankenstand, das entspricht 19,5 bis 22 Fehltagen pro Beschäftigten. Das ist viel, historisch viel. Aber bevor wir uns aufregen: Es gibt gute Gründe dafür, und die haben weniger mit “Blaumachen” zu tun als mit Statistik und Realität.

Was sind die häufigsten Krankheiten für Krankenstand in Deutschland?

Die drei großen Krankheitsgruppen machen zusammen 57,4% aller Fehltage aus:

KrankheitsartAnteil an FehltagenØ Falldauer (Tage)Anteil an AU-Fällen
Muskel-Skelett-Erkrankungen19,8%15,712,4%
Atemwegserkrankungen15,1%5,935,9%
Psychische Erkrankungen12,5%28,54,8%
Verletzungen9,3%19,2
Herz-Kreislauf4,5%18,3

Schauen Sie sich die Falldauer an: Atemwegserkrankungen sind die häufigste Ursache für Krankschreibungen (35,9% aller Fälle), aber die Leute sind im Schnitt nur 5,9 Tage weg.

Eine Erkältung, eine Grippe, Sie kennen das. Psychische Erkrankungen machen nur 4,8% der Fälle aus, aber wenn jemand wegen Depression oder Burnout ausfällt, ist er durchschnittlich 28,5 Tage weg. Fast einen Monat. Das ist der Unterschied zwischen einer Woche mit Schnupfen und vier Wochen mit Depression.

Gut zu wissen

Der DAK Psychreport aus 2025 zeigt einen dramatischen Anstieg: 2024 gab es 50% mehr Fehltage durch Depressionen als im Vorjahr. 183 Fehltage je 100 Beschäftigte allein durch Depressionen (2023: 122 Tage). Beim BKK Dachverband stieg der Anteil psychischer Erkrankungen am Krankenstand von 0,62% (2016) auf 0,96% (2025), ein Plus von über 50% in weniger als einem Jahrzehnt.

Wir reden hier von Menschen, die nicht mehr können. Die erschöpft sind, ausgebrannt, depressiv. Und die Zahlen steigen weiter.

Historische Entwicklung vom Krankenstand in Deutschland

Der Krankenstand in Deutschland ist seit 2022 auf einem historisch hohen Niveau und bleibt dort. Aber warum? Die Erklärung ist weniger dramatisch als Sie vielleicht denken.

Der BKK Dachverband bringt es auf den Punkt: “Der statistische Anstieg zeigt nicht mehr Krankheit, sondern mehr Transparenz.” Am 01.01.2022 wurde die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) verpflichtend. Vorher ging der gelbe Schein oft in der Schublade verloren oder wurde nicht an die Krankenkasse weitergeleitet. Die DAK-Analyse zeigt: Der Anstieg bei Erkältungskrankheiten ist zu 60% durch diesen statistischen Effekt erklärbar.

Gut zu wissen

Das heißt nicht, dass die Leute nicht wirklich krank waren. Sie waren krank, gingen zum Arzt, bekamen eine Krankmeldung, aber die Krankenkasse erfuhr nichts davon. Jetzt erfährt sie es. Das ist der Unterschied.

Gleichzeitig gibt es reale Anstiege: Nach dem Ende der Corona-Maßnahmen (Masken, Abstand, Homeoffice) kehrten Grippe, Erkältungen und andere Infektionskrankheiten zurück. Und psychische Erkrankungen steigen seit Jahren kontinuierlich, das ist kein statistischer Effekt, sondern ein echter Trend.

Wirtschaftliche Kosten: Wie teuer ist der Krankenstand in Deutschland?

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat für 2024 die umfassendste Kostenkalkulation vorgelegt:

KennzahlWertErklärung
AU-Tage gesamt881,5 Mio.Das sind über 880 Millionen verlorene Arbeitstage
Durchschnitt pro Arbeitnehmer20,8 AU-TageFast drei Wochen pro Person
Produktionsausfallkosten (Lohnkosten)134 Mrd. €Was die Unternehmen direkt zahlen
Ausfall Bruttowertschöpfung227 Mrd. €Was volkswirtschaftlich verloren geht
Anteil am Bruttonationaleinkommen5,1%Mehr als jeder zwanzigste Euro

Laut IW Köln brachten Arbeitgeber 2024 rund 82 Milliarden Euro für die Entgeltfortzahlung erkrankter Beschäftigter auf, davon 69,1 Milliarden Euro direkte Lohnfortzahlung und 13 Milliarden Euro Sozialabgaben. Innerhalb von drei Jahren sind die nominalen Aufwendungen um 10 Milliarden Euro gestiegen.

Zum Vergleich: Das Krankengeld der Kassen beträgt circa 21 Milliarden Euro. Die Lohnfortzahlung der Arbeitgeber übersteigt das um das Vierfache.

Kosten vom Krankenstand nach Diagnosegruppe

DiagnosegruppeAU-Tage (Mio.)AnteilProduktionsausfall (Mrd. €)BWS-Ausfall (Mrd. €)
Muskel-Skelett171,319,4%26,144,2
Atemwege159,218,1%24,341,0
Psyche147,316,7%22,538,0
Verletzungen/Unfälle82,39,3%12,521,2
Kreislauf36,34,1%5,59,4

Psychische Erkrankungen verursachen 22,5 Milliarden Euro Produktionsausfall und 38 Milliarden Euro Bruttowertschöpfungsausfall. Das ist keine Kleinigkeit. Das sind echte Kosten, die in der Wirtschaft fehlen.

Vergleich: Krankenstand in Deutschland und Europa

Je nachdem, welche Zahlen Sie betrachten, liegt Deutschland entweder an der Spitze oder im oberen Mittelfeld. Der Grund dafür: Es gibt drei verschiedene Messmethoden, und jede liefert ein anderes Bild.

Methode 1: OECD – Registrierte bezahlte Krankentage (2022)

Diese Daten basieren auf Verwaltungsdaten der Krankenversicherungen. Deutschland steht hier an der Spitze:

LandBezahlte Krankentage/Jahr
Deutschland24,9
Lettland20,4
Tschechien19,2
Norwegen18,8
Belgien15,5
Niederlande15,0
Österreich14,9
Frankreich14,2
Ungarn9,4
Bulgarien6,1

Aber Vorsicht: Das IGES Institut warnt explizit, dass diese Daten “wegen unterschiedlicher Erfassungssysteme nicht direkt vergleichbar” sind. Der sprunghafte Anstieg 2022 in Deutschland (von circa 20 auf 24,9 Tage) fällt exakt mit der eAU-Einführung zusammen.

Methode 2: EU Labour Force Survey (EU-LFS)- Wöchentlicher Arbeitsausfall (2023)

Diese Befragungsdaten messen den Anteil der Arbeitszeit, der wegen Krankheit verloren geht. Hier relativiert sich Deutschlands Position erheblich:

LandAnteil verlorener Arbeitszeit
Norwegen10,7%
Finnland10,0%
Spanien8,6%
Portugal7,6%
Slowenien7,2%
Schweden7,0%
Deutschland6,8%
Frankreich6,3%
Niederlande5,8%
Italien3,8%
Griechenland2,5%

Nach dieser Methode liegt Deutschland nicht an der Spitze, sondern “im oberen Bereich”, an circa Platz 7 von 30+ Ländern.

Methode 3: WHO – Absenteeism from Work Due to Illness

Die WHO sammelt Daten aus 37 Ländern. Nach diesen Daten hat Polen die meisten Fehltage:

LandFehltage/Jahr (WHO)
Polen34,0
Bulgarien22,0
Deutschland18,3
Tschechien15,4
Norwegen14,6
UK4,4

Warum sind die Zahlen so unterschiedlich?

Die drei Methodiken messen Unterschiedliches:

  • OECD-Registerdaten erfassen alle sozialversicherungsrechtlich gemeldeten AU-Tage. Deutschland hat durch die eAU eine nahezu vollständige Erfassung, andere Länder nicht
  • EU-LFS ist eine Befragung (Selbstauskunft), die auch nicht gemeldete Kurzerkrankungen einschließt
  • WHO nutzt nationale Registersysteme, die je nach Land unterschiedlich vollständig sind

Das IGES Institut kommt zu dem Schluss: “Beim Krankenstand liegt Deutschland im europäischen Vergleich im oberen Mittelfeld. Schlüssige Erklärungen für die länderspezifischen Unterschiede sind allerdings schwer zu finden.”

Aktuelle Länderdaten: Norwegen auf 15-Jahres-Hoch, Frankreich mit 80% Anstieg seit 2014

Bevor wir uns die einzelnen Länder anschauen, eine wichtige Erkenntnis vorweg: Der hohe Krankenstand ist kein rein deutsches Phänomen. Ganz Europa kämpft mit steigenden Fehlzeiten.

Gut zu wissen

Norwegen verzeichnet die höchsten Krankenstände seit 15 Jahren, Frankreich hat einen Anstieg um 80% seit 2014 erlebt, Belgien meldet Rekordhochs bei Langzeiterkrankungen. Die Muster sind überall ähnlich: steigende psychische Erkrankungen, alternde Belegschaften, mehr Langzeitausfälle.

Das zeigt, dass wir es hier mit einem strukturellen Problem zu tun haben, nicht mit individuellem Fehlverhalten.

LandKrankenstand / FehltageBesonderheiten
Norwegen6,48% (Q3 2025), Frauen 8,17%, Männer 5,04%100% Lohnfortzahlung für bis zu 52 Wochen, Krankmeldungen auf 15-Jahres-Hoch
Österreich15,1 Kalendertage (2024), Rückgang um 1,6% gg. 2023Arbeiter 18,9 Tage (47% mehr als Angestellte), Langzeitkrankenstände (≥40 Tage): 3,1% der Fälle = 39,8% aller Krankenstandstage
Frankreich5,3% Taux d’absentéisme (2024), +3% gg. Vorjahr3 Karenztage, dann 50% ab Tag 4 (Tarifverträge stocken oft auf 90% auf)
Niederlandeca. 5% Ziekteverzuim (2024), 17 Arbeitstage Ø52% der 8,1 Mio. Arbeitnehmer mindestens einmal krank, Arbeitgeber zahlen 70% für bis zu 104 Wochen
Vereinigtes Königreich4,4 Fehltage (ONS 2024)SSP nur 118,75 £/Wo. für max. 28 Wochen, erste 3 Tage unbezahlt, effektiv 47,50 £ in erster Woche
Belgien10% aller Arbeitstage verloren (2024)Langzeitabsentismus (>1 Jahr): 3,14% in 2025 (Anstieg von 3,07% in 2024), über 500.000 Personen >1 Jahr arbeitsunfähig

Norwegen zeigt eindrucksvoll: Trotz 100% Lohnfortzahlung für bis zu 52 Wochen liegt der wöchentliche Arbeitsausfall mit 10,7% sogar über Deutschland. Das widerlegt die These, dass großzügige Lohnfortzahlung automatisch zu höheren Krankenständen führt. Die Krankmeldungen sind auf einem 15-Jahres-Hoch, und das in einem Land mit einem der besten Sozialsysteme der Welt.

Österreich offenbart die soziale Spaltung besonders deutlich: Arbeiter fehlen 18,9 Tage, Angestellte nur 12,8 Tage. Das sind 47% mehr Fehltage für die Menschen, die körperlich arbeiten. Und noch eine Zahl: Langzeitkrankenstände (mindestens 40 Tage) machen nur 3,1% aller Fälle aus, verursachen aber 39,8% aller Krankenstandstage. Das ist das gleiche Muster wie in Deutschland: Wenige Langzeiterkrankte verursachen den Großteil der Fehltage.

Frankreich ist der Hammer: Absentéisme stieg um 80% zwischen 2014 und 2022. Das ist kein deutsches Phänomen, das ist ein europäischer Trend. Und Frankreich hat 3 Karenztage, Deutschland hat keine. Trotzdem steigt der Krankenstand in Frankreich stärker als in Deutschland. Die Gesamtkosten von 108 Milliarden Euro entsprechen circa 5% des BIP, ähnlich wie in Deutschland.

Die Niederlande zeigen eine Besonderheit: Arbeitgeber zahlen 70% des Lohns für bis zu 2 Jahre (104 Wochen). Das ist länger als in jedem anderen Land. Die Kosten pro krankem Arbeitnehmer liegen bei circa 400 Euro pro Tag. 52% der 8,1 Millionen Arbeitnehmer meldeten sich 2024 mindestens einmal krank.

UK bildet das andere Extrem: Erste 3 Tage unbezahlt, danach nur 118,75 Pfund pro Woche für maximal 28 Wochen. Das sind effektiv 47,50 Pfund in der ersten Woche. Im globalen Vergleich liegt das zwischen Indonesien und Sri Lanka. Trotzdem nur 4,4 Fehltage offiziell, was aber auch daran liegt, dass kurze Erkrankungen statistisch nicht erfasst werden. Ab April 2026 ist eine Reform geplant: SSP ab dem 1. Tag.

Belgien kämpft mit Rekordwerten beim Langzeitabsentismus: Über 500.000 Personen Ende 2023 waren länger als 1 Jahr arbeitsunfähig. Die Absentismus-Rate ist über 6 Jahre von 8,40% auf 10,30% gestiegen, das entspricht einem relativen Anstieg von 23%. Belgien kämpft mit denselben Problemen wie Deutschland: steigende psychische Erkrankungen, alternde Belegschaften, Langzeitausfälle.

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Patrick Steeger im dunklen Sakko sitzt an einem Holztisch und blickt lächelnd in die Kamera

Vergleich: Karenztage und Entgeltfortzahlung in Europa

Hier zeigt sich, warum simple Krankenstandsvergleiche so problematisch sind: Die Systeme sind fundamental unterschiedlich. Manche Länder haben Karenztage (unbezahlte Tage am Anfang), manche nicht.

Manche zahlen 100% Lohn, manche 50%. Manche für 6 Wochen, manche für 2 Jahre.

LandKarenztageEntgeltfortzahlung (Arbeitgeber)Krankengeld (Sozialversicherung)
Deutschland0100%, 6 Wochen70% (Brutto), 78 Wochen
Österreich0100%, 6–12 Wochen50–60%, 52 Wochen
Niederlande070%, 104 Wochenentfällt (Arbeitgeber trägt alles)
Norwegen0100%, 16 Tage100%, 52 Wochen
Luxemburg0100%, 77 Tage100%, danach CMSS
Belgien0100%, 1 Monat60%, 1 Jahr
Schweden1 Tag80%, Tag 2–1480%, 364 Tage
Frankreich3 TageErgänzung, ab Tag 450%, max. 3 Jahre
Italien3 Tage100% (CCNL), Tage 1–350–66,66%, 180 Tage
Spanien3 Tage60%, Tag 4–1575%, ab Tag 16
UK3 TageentfälltSSP 118,75 £/Wo., 28 Wochen
Polen080%, 33 Tage80%, 182 Tage
Dänemark0100%, 30 Tage100%, 22 Wochen
Finnland010 Tage70%, 43 Wochen

Deutschland hat im europäischen Vergleich die großzügigste Entgeltfortzahlung: 100% des Bruttogehalts für 6 Wochen durch den Arbeitgeber, gefolgt von bis zu 72 weiteren Wochen Krankengeld (70% Brutto).

Die Gesamtdauer von bis zu 78 Wochen wird nur von wenigen Ländern übertroffen (Niederlande 104 Wochen, Griechenland 720 Tage, Portugal 1.095 Tage).

Deutschlands Sonderstellung: 100% Lohn ab Tag 1 für 6 Wochen, dann 70% für 72 weitere Wochen

Schauen Sie sich UK an: Erste 3 Tage unbezahlt, danach 118,75 Pfund pro Woche für maximal 28 Wochen. Das sind effektiv 47,50 Pfund in der ersten Woche. Wenn Sie in UK krank sind, bekommen Sie in der ersten Woche weniger Geld als in vielen Entwicklungsländern. In Deutschland? Voller Lohn ab Tag 1.

Oder Frankreich: 3 Karenztage (ohne Lohnfortzahlung), dann 50% ab Tag 4, wobei viele Tarifverträge auf 90% aufstocken. Aber auch das ist weniger als in Deutschland. Hier bekommen Sie 100% ab Tag 1, keine Abstriche, keine Wartezeit.

Oder Schweden: 1 Karenztag (unbezahlt), dann 80% für Tag 2 bis 14, danach Sozialversicherung 80% für bis zu 364 Tage. In Deutschland? 100% für 6 Wochen durch den Arbeitgeber, dann 70% Krankengeld für bis zu 72 weitere Wochen durch die Krankenkasse. Insgesamt bis zu 78 Wochen Absicherung, eineinhalb Jahre.

Das erklärt, warum deutsche Arbeitgeber mit 82 Milliarden Euro Lohnfortzahlung belastet sind. Das System ist großzügig für Arbeitnehmer, sehr großzügig sogar. Für Arbeitgeber teuer, sehr teuer sogar.

Aber es ist auch ein System, das Menschen in schwierigen Lebenssituationen auffängt. Jemand, der ernsthaft krank ist, muss sich in Deutschland keine Sorgen machen, dass er seine Miete nicht mehr zahlen kann.

Karenztag-Debatte: 40 Milliarden Euro Einsparung oder mehr kranke Menschen bei der Arbeit?

Allianz-Chef Oliver Bäte forderte im Januar 2025 die Wiedereinführung des Karenztages und bezifferte die möglichen Einsparungen auf 40 Milliarden Euro jährlich. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bezeichnete 14,5 Krankentage als zu viel. Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer unterstützte die Diskussion.

NRW-Unternehmer fordern Karenztage und die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung.

Die Gegenargumente sind aber mindestens genauso stark: Der DGB warnt, dass 63% der Beschäftigten bereits krank zur Arbeit gehen (Präsentismus).

Ein Karenztag würde noch mehr Menschen dazu bringen, krank zur Arbeit zu gehen. Und hier kommt der Knackpunkt: Die Forschung belegt, dass Präsentismus-Kosten (227 Milliarden Euro Bruttowertschöpfungsausfall) die Fehlzeiten-Kosten (82 Milliarden Euro Lohnfortzahlung) um ein Vielfaches übersteigen.

Gut zu wissen

Was heißt das konkret? Jemand, der mit Grippe zur Arbeit kommt, steckt fünf Kollegen an. Die sind dann auch krank, aber kommen ebenfalls zur Arbeit, weil sie den Karenztag nicht verlieren wollen. Am Ende sind zehn Leute krank statt einer. Die Produktivität sinkt, die Fehlerquote steigt, und am Ende kostet es mehr als wenn der erste einfach zu Hause geblieben wäre.

TK-Vorstandschef Jens Baas warnte: “Die aktuelle Debatte über den hohen Krankenstand und mögliche Lösungen geht in die falsche Richtung.” Die DAK-Analyse zeigt: Für systematischen Missbrauch, etwa der telefonischen Krankmeldung, gibt es keinerlei Anzeichen. Der Anstieg ist zu 60% durch die eAU erklärbar, den Rest erklären reale Anstiege bei psychischen Erkrankungen und Atemwegsinfekten.

Fazit: “Der Krankenstand ist hoch, die Karenztag-Debatte führt in die Irre”

Der Krankenstand in Deutschland liegt 2025 bei 19,5 bis 22,3 Fehltagen pro Beschäftigten.

Seit 2022 erfasst die elektronische Krankmeldung jeden Fall lückenlos, das erklärt 60 Prozent des Anstiegs. Der Rest steckt hier:

  • Psychische Erkrankungen sind seit 2016 um über 50% gestiegen, mit durchschnittlich 28,5 Tagen Ausfall pro Fall
  • Die volkswirtschaftlichen Kosten: 82 Milliarden Euro Lohnfortzahlung, 227 Milliarden Euro Bruttowertschöpfungsausfall (5,1% des BNE)
  • Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei registrierten Krankentagen an der Spitze (24,9 Tage OECD), bei Befragungsdaten nur im oberen Mittelfeld (6,8% wöchentlicher Arbeitsausfall, Platz 7)
  • Länder mit Karenztagen (UK, Frankreich, Spanien) erfassen Kurzzeiterkrankungen statistisch nicht, Deutschland seit der eAU vollständig
  • 63% der Beschäftigten gehen bereits krank zur Arbeit (Präsentismus), das kostet mehr (227 Milliarden Euro) als die Lohnfortzahlung (82 Milliarden Euro)

Die Karenztag-Debatte führt (fast sicher) in die Irre.

Ein Karenztag würde den Präsentismus erhöhen, mit potenziell höheren Gesamtkosten. Was wir brauchen, sind präventive Maßnahmen: betriebliches Gesundheitsmanagement, psychosoziale Beratung, flexible Arbeitszeitmodelle, betriebliche Krankenversicherung.

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Häufige Fragen

Welchen Einfluss hat die Pflicht zur elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auf die betriebliche Fehlzeitenstatistik?
Durch die seit Januar 2022 verpflichtende elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung werden Krankmeldungen nahezu lückenlos an die Kassen übermittelt. Zuvor verblieben Bescheinigungen in Papierform häufig bei den Beschäftigten und tauchten in keiner Statistik auf. Laut Analysen lässt sich der Anstieg bei Erkältungskrankheiten zu 60 Prozent auf diesen reinen Erfassungseffekt zurückführen.
Warum unterscheiden sich die gemeldeten Fehlzeiten zwischen den verschiedenen Krankenkassen so stark?
Die Abweichungen zwischen den Kassen beruhen vor allem auf deren Versichertenstrukturen. Kassen wie die AOK zählen viele Beschäftigte aus körperlich fordernden Branchen wie dem Baugewerbe und der Pflege zu ihren Mitgliedern. Andere Kassen wie die TK oder DAK versichern dagegen überdurchschnittlich viele Angestellte sowie Akademiker in Bürotätigkeiten mit geringeren körperlichen Belastungen.
In welchem Verhältnis stehen die Lohnfortzahlungskosten der Arbeitgeber zum Krankengeld der Kassen?
Arbeitgeber tragen die Hauptlast der Ausfallkosten bei Krankheit. Im Jahr 2024 zahlten Unternehmen 82 Milliarden Euro für die Entgeltfortzahlung sowie die darauf anfallenden Sozialabgaben. Die gesetzlichen Krankenkassen wendeten im selben Zeitraum circa 21 Milliarden Euro für das Krankengeld auf. Damit übersteigen die direkten Arbeitgeberaufwendungen das Krankengeld der Kassen um das Vierfache.
Welche Unterschiede bestehen bei den Ausfallzeiten zwischen Atemwegsinfekten und psychischen Erkrankungen?
Atemwegserkrankungen machen mit fast 36 Prozent den größten Anteil aller Krankheitsfälle aus, führen jedoch zu einer durchschnittlichen Falldauer von lediglich 5,9 Tagen. Psychische Erkrankungen sind für knapp 5 Prozent der Fälle verantwortlich. Betroffene fallen bei Depressionen oder Burnout jedoch durchschnittlich 28,5 Tage aus und fehlen Ihrem Unternehmen damit fast einen vollen Monat.
Welche Bedeutung haben Langzeiterkrankungen für die gesamten Fehltage in einem Unternehmen?
Ein geringer Anteil an Langzeitfällen verursacht den überwiegenden Teil aller Ausfalltage im Betrieb. Krankheitsfälle mit einer Dauer von mindestens 40 Tagen machen nur rund 3 Prozent aller Fälle aus. Diese wenigen Langzeitkrankenstände sind jedoch für fast 40 Prozent aller Ausfalltage verantwortlich. Für Ihre Personalplanung bedeutet dies eine erhebliche Hebelwirkung durch wenige schwere Erkrankungen.
Porträt von Patrick Steeger, Versicherungsmakler für betriebliche Krankenversicherung
Über den Autor
Patrick Steeger
Geschäftsführer & Versicherungsmakler (§ 34d GewO)

Patrick Steeger ist BDSF-zertifizierter Sachverständiger für die betriebliche Krankenversicherung, Versicherungsmakler (§ 34d GewO) und Geschäftsführer der bKV Firmenservice in Hamburg. Seit 2015 ist er auf die bKV spezialisiert und begleitet Unternehmen ungebunden und anbieterübergreifend. Seine Vergütung tragen die Versicherer, für Unternehmen entstehen keine Zusatzkosten.

BDSF-zertifizierter Sachverständiger für bKV (Bundesverband Deutscher Sachverständiger und Fachgutachter)
Geschäftsführer der bKV Firmenservice (Brandbenefits GmbH, Hamburg)
Betriebswirt (FH Osnabrück) mit Schwerpunkt Personal und Finanzen
Über 12 Jahre Markterfahrung, seit 2015 auf die bKV spezialisiert
Über 250 ungebunden geprüfte Tarifkombinationen
Fachautor zu bKV-Themen, unter anderem für business-wissen.de
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